s i l e n t i u m
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Das Stillesein lernen Laßt uns von der Lilie und dem Vogel als Lehrmeistern das Stillesein lernen oder zu schweigen lernen. (...) Dies Stillesein kannst du lernen von der Lilie und dem Vogel. Das will heißen, ihr Stillesein ist keine Kunst, jedoch wenn du stille wirst wie die Lilie und der Vogel, so stehst du an dem Anfang, der da ist, am ersten nach dem Reich Gottes trachten. Wie feierlich ist es doch da draußen unter Gottes Himmel bei der Lilie und dem Vogel, und weshalb? Frag den Dichter; er antwortet: weil es dort so stille ist. Und hinaus zu dieser feierlichen Stille geht seine Sehnsucht, fort von der Weltlichkeit in der Menschenwelt, in der so viel Gerede ist, fort von dem ganzen weltlichen Menschenleben, welches nur auf recht traurige Weise kundtut, daß die Sprache ein Vorzug des Menschen ist vor den Tieren. "Denn", wird der Dichter sagen, "heißt das etwa vortrefflicher sein, nein, es ist überhaupt kein Vergleich, diese Stille ist ein unendlicher Vorzug vor den Menschen, die reden können". Der Dichter meint nämlich, im Schweigen der Natur die Stimme der Gottheit zu vernehmen; in dem emsigen Reden der Menschen ist seiner Meinung nach nicht nur die Stimme der Gottheit unvernehmlich, sondern es ist noch nicht einmal vernehmlich, daß der Mensch mit der Gottheit verwandt ist. Der Dichter spricht: die Rede ist des Menschen Vorzug vorm Tier, ja, allerdings - wofern er schweigen kann. Diese Schweigenkönnen aber, du kannst es da draußen lernen bei der Lilie und dem Vogel, allwo Stille ist, und auch etwas Göttliches in dieser Stille. Da draußen ist Stille; und nicht allein, wenn alles schweigt in der stummen Nacht, sondern auch wenn den Tag hindurch die tausend Saiten in Bewegung sind, und alles wie ein Meer von Tönen ist, herrscht dennoch draußen Stille: ein jeder im Besonderen macht es so gut, daß niemand von ihnen, auch nicht alle miteinander der feierlichen Stille irgend Abbruch tun. Draußen ist Stille. Der Wald, er schweigt; sogar, wenn er raunt, steht er in Schweigen. Denn die Bäume, auch da, wo sie dicht und zahlreich stehn, halten einander, was die Menschen, gegebenem Versprechen zum Trotz, einander so selten halten: 'das bleibt unter uns'. Das Meer ist stumm; sogar wenn es lärmt und tobt, ist es stumm. Im ersten Augenblick hörst du vielleicht nicht richtig, und du hörst es toben. Wenn du eilfertig mit dieser Kunde gehst, tust du dem Meer Unrecht. Hingegen, falls du eine Frist gibst und genauer hinhörst, so hörst du - wunderlich! - du hörst die Stille; denn auch Einförmigkeit ist ja Stille. Wenn am Abend die Stille über der Landschaft weilt, und du von der Wiese das ferne Brüllen der Kuh vernimmst, oder du fern vom Bauerngehöft her das Bellen des Hofhundes hörst, so kann man nicht sagen, daß dies Brüllen oder Bellen die Stille störe, nein, es gehört zur Stille mit hinzu, es ist mit der Stille in heimlicher und insofern wieder stiller Übereinkunft, es mehrt sie. (...) Da draußen bei der Lilie und dem Vogel ist Stille. Was aber drückt diese Stille aus? Sie drückt aus Ehrfurcht vor Gott, daß er es ist, der da waltet, und allein er es ist, dem Weisheit und Verstand zukommen. Und eben weil diese Stille Ehrfurcht vor Gott ist, weil sie, so weit sie das in der Natur zu sein vermag, Anbetung ist, eben deshalb ist diese Stille so feierlich. Und weil diese Stille also so feierlich ist, deshalb eben wird man Gottes in der Natur inne - was Wunder wohl, wenn aus Ehrfurcht vor ihm alles schweigt! Auch wenn Er nicht spricht, dies, daß aus Ehrfurcht vor ihm alles schweigt, wirkt ja auf einen, als ob er spräche. (...) Sören Kierkegaard www.lesen-bei-kierkegaard.de |