s i l e n t i u m






Die Unsäglichkeit im Blick

Das Gebet muß zuerst Gott angemessen sein,
zu dem sich der Betende erhebt.

Wer aber die Unsäglichkeit Gottes
im Blick hat, seine stille Größe,
die jeden Begriff
und damit auch jedes Wort übersteigt,
wer sich dessen erinnert,
daß alle menschlichen Worte endlich sind
und an die Unendlichkeit Gottes
nicht hinreichen, der wird,
sich zu Gott hinwendend,
zuerst verstummen.
Für ihn wird sichtbar,
daß es angemessen ist,
daß der Mensch sein Wort zurücknimmt
ins Schweigen.
Das verstummende Schweigen ist darum
die erste Gestalt des Gebetes,
denn in ihm verhält sich der sterbliche
Mensch am angemessensten zu Gott,
der ersten und führenden Bestimmung
aller Religion.

Das Schweigen des Menschen
ist die unmittelbare Konsequenz
aus der alles Wort übertreffenden
Größe Gottes.
Wenn immer diese in ihrer
Überschwenglichkeit
den Menschen berührt und bewegt,
wird er zunächst verstummen
und schweigen.

Das Gebet des Schweigens
ist vom alltäglichen Umtrieb
und vom alltäglichen Gerede her gesehen
zunächst das Negative.
Es ist: nichts Umtreiben und von nichts
sich umtreiben lassen.
Nichts Bereden und sich nicht mehr
in die Bewegung des Redens
treiben lassen.
Stille des Geistes,
Stille des ganzen Menschen.
Schweigend wird der Mensch
also alles "etwas",
d.h. alle Dinge und alle Namen
und alle Anliegen der Welt loslassen
aus dem Begriff des Begreifens
oder des Begreifenwollens,
aus dem sagenden Fassen
oder dem Sagenwollen.
Er wird das Besitzen der Welt
und das Besetztsein durch die Welt
zu Boden sinken lassen.
Er wird die Triebe und ihre Neugier
still werden lassen.
Er wird ganz Stille
und Gelassenheit werden.

Darum hat der Meister Eckhart
davon gesprochen, der Mensch müsse
dem Nichts gleichwerden.
Dieses Schweigen oder diese Gelassenheit
oder dieses dem Nichts Gleichwerden
ist aber nicht bloß negativ.
Es setzt sich zwar negativ ab
vom Umtrieb und Gerede,
aber es hat doch in sich seine eigene
verschwiegene Positivität.

Diese ist zuerst die Positivität
der Bereitschaft.
Es ist wie reines Hören,
das zwar kein Etwas hört,
aber offen und bereit ist, alles zu hören.
Oder es ist wie die reine Helle
des Schauens,
das zwar an keinem Etwas mehr hängt,
aber Offenheit ist für alles.
Als Bereitschaft ist das Gebet
des Schweigens auch vollständige Öffnung,
und als vollständige Öffnung
ist es Sammlung;
Sammlung aus der Zerstreuung
an dies und das.
Die Zerstreuung läuft
in alles Mögliche auseinander,
und sie hält sich so an alles Mögliche,
daß sie sich ans nächste beste festklammert
und sich alles andere Mögliche
aus dem Kopfe schlägt.
Sie teilt so die Welt und zerstreut sie
zugleich, und die Welt ist geteilt
und zerstreut.
Sie treibt sich im Geteilten
und im zerstreuten und im Vereinzelten um.

Die Stille der Sammlung hingegen,
die sich aus der Zerstreuung gesammelt hat,
verhält sich in der Kraft der Stille
dieser Sammlung positiv zum Ganzen
von Welt und Dasein.
Aber in einer ganz neuen Weise.
Wir können sagen:
Sie läßt alles ein, was immer ist.
Sie verstellt und verdrängt nichts.
Ja mehr noch: Sein-lassend gönnt sie jedes
jedem, und ist so mit allem
und mit dem Ganzen in lautlosem Einklang,
gerade indem sie sich an nichts
Einzelnem festhält.
Die Sammlung ist so nicht weltlos,
aber weltfrei, d.h. nicht weltverfallen,
um eine Formel von Franz von Baader
zu gebrauchen.

So bekommt das Wort Sammlung,
das seit langem in der religiösen Sprache
gebräuchlich ist, einen genauen Sinn.
Im stillen Raum der schweigenden
Bereitschaft ist alles versammelt,
die ganze äußere Welt,
die ganze innere Welt,
alles atmet,
ins Freie versammelt darin.

Die Sammlung des Schweigens
ist aber noch mehr als die Sammlung
der inneren und äußeren Welt.
Und dieses Mehr ist schließlich
entscheidend.
Sie ist die reine Freiheit und Offenheit,
die, indem sie alle Welt umfängt,
zugleich alle Welt übersteigt.
Sie fällt mit aller Welt,
die sie in ihrer Weite versammelt hat,
in den namenlosen Abgrund
über alle Welt hinaus.
Das, worein die Welt gesammelt wird,
ist größer, unmeßbar größer als alle Welt.
Es ist die abgründige Weite
der Unendlichkeit des Geheimnisses,
das alles trägt und alles gewährt
und auf alles wartet.
Die schweigende Sammlung
öffnet sich über alle Welt hinaus
in den Abgrund der Gottheit,
die lautlos alles umfängt.

Andacht bezeichnet eigentlich
eine Richtung des Denkens.
Die Silbe 'An' gibt die Richtung an,
die Silbe 'dacht' das Denken.
Denken darf aber in unserem Zusammenhang genommen werden
für das ganze lebendige Dasein
des Menschen. Das Wort Andacht ...
Der leise gesammelte Strom
des Daseins im ganzen verweilt
nicht in sich, er strömt in seiner Stille
gerade weg von sich,
in das lautlose Geheimnis
der ewigen Gottheit.
Der Sinn dieser Bewegung kann so
ausgedrückt werden:
an Gott denken; oder noch genauer:
an Dich, o Gott, denken.
Dies ist genauer, weil die Andacht
keinen Gott als "etwas" hat,
sie erhebt sich vielmehr in stiller
und direkter Hinwendung
zu "Dir o Gott"
jenseits von allem Etwas.
Würde sie sprechen, dann stünde Gott
für sie im Vokativ
und nicht im Akkusativ.
Aber sie spricht nicht.
Es fällt kein Wort,
auch das Wort Gott nicht.
In der Andacht vollendet sich
das Gebet des Schweigens,
darin erst ist es ganz
und im vollen Sinn Gebet.
In der Transitivität des lebendigen
Weggehens von sich
und des Übergehens zum Ewigen
liegt das Ganze und das Höchste.

Bernhard Welte

 

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