s i l e n t i u m






Das Gebet
als das Tor in unsere Ewigkeit

Für die tiefsten Dinge
gibt es keine Worte.
Worte werden hinfällig,
wenn das Mysterium aufscheint
und das Gebet ins Schweigen
übergeht.
In der postmodernen Gesellschaft
hat das allgegenwärtige Geschwätz
uns dem Schweigen entfremdet.
Infolge dessen sind wir
ängstlich und gestreßt.
Das Schweigen ist faszinierend
gegenwärtig.
Das Schweigen ist scheu;
es ist geduldig und drängt sich
niemals auf.
Aber ohne die Gegenwart
des Schweigens
könnte kein Wort
je gesprochen oder vernommen
werden.
Unser Denken beschwört
fortwährend neue Wörter herauf.
Wir sind so versessen
auf Wörter,
daß wir das Schweigen
kaum noch bemerken -
aber das Schweigen ist immer da.
Die besten Wörter
werden im fruchtbaren
Schweigen geboren,
das auf das Geheimnis achtet.

Wenn das Gebet die geräuschvollen
Wildbäche der Wörter
und Gedanken verläßt,
gelangt es auf den stillen
See des Schweigens.
Hier werden wir
des tiefen Friedens gewahr,
der in uns lebt.
Unter all unseren Handlungen,
Gesten und Gedanken
liegt ein schweigender Friede.

Wenn wir beten, suchen wir
die Unschuld unserer Seele auf.
Dies ist ein reiner,
sanfter Ort der Einigkeit,
den der Lärm des Lebens
niemals zu stören vermag.
Wir betreten den Tempel
unserer tiefsten Zugehörigkeit.
Einzig in diesem Tempel
kann jegliche Sehnsucht
Ruhe und Frieden finden.
Dies faßt der Psalmist
in dem anrührenden Vers
zusammen:
"Seid stille und erkennet,
daß ich Gott bin!"
In der Stille
wird das Schweigen
des Göttlichen
zur größter Nähe.


John O'Donohue
(Echo der Seele)


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