s i l e n t i u m






... bis der Betende Gott hört

Es ist des Menschen Vorzug
vor dem Tiere, daß er reden kann;
aber im Verhältnis zu Gott kann es
dem Menschen, der reden kann,
leicht zum Verderben werden,
reden zu wollen.
Gott ist im Himmel,
der Mensch auf der Erde:
darum können sie nicht gut
miteinander reden.
Gott ist Liebe,
der Mensch ist -
wie man wohl zu einem Kinde sagt -
sogar hinsichtlich seines
eignen Wohls und Wehes
ein kleines Schaf;
darum können sie nicht
gut miteinander reden.
Nur mit viel Furcht und Zittern
kann der Mensch mit Gott reden;
mit viel Furcht und Zittern.
Indes, mit viel Furcht und Zittern
reden ist schwierig
aus einem andern Grunde;
denn gleich wie die Angst es macht,
daß die Stimme leiblich versagt,
ebenso bewirkt wohl auch
viel Furcht und Zittern,
daß die Rede verstummt
und stille wird.
Dies weiß der rechte Beter;
und wer ein rechter Beter nicht war,
er hat vielleicht eben dies gelernt
im Gebet. Es war da etwas,
das ihm so sehr am Herzen lag,
eine Sache, die ihm so
wichtig war, es war ihm so
überaus dringlich,
sich Gott so recht verständlich
zu machen, es bangte ihm,
daß er im Gebet etwas vergessen
haben könnte, und ach,
gesetzt, er hatte es vergessen,
so bangte ihm, daß Gott vielleicht
von selber nicht daran denken möge:
darum wollte er seinen Sinn
darauf sammeln,
recht innerlich zu beten.
Und was widerfuhr ihm dann,
wenn anders er wirklich betete?
Etwas Wunderliches
widerfuhr ihm; allmählich
wie er innerlicher und innerlicher wurde
im Gebet, hatte er weniger
und weniger zu sagen,
und zuletzt verstummte er ganz.
Er ward stumm, ja,
was dem Reden vielleicht
noch mehr entgegengesetzt ist
als das Schweigen,
er ward ein Hörender.
Er hatte gemeint, beten sei reden;
er lernte: beten ist nicht bloß
schweigen, sondern ist hören.
Und so ist es denn auch;
beten heißt nicht, sich selbst
reden hören,
sondern heißt dahin kommen,
daß man schweigt,
und im Schweigen verharren,
und harren, bis der Betende Gott hört.

Sören Kierkegaard

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