In des Herzens Ruhekammer ...
Texte zum Nachsinnen
(26. Januar 2007)









 



Theodor Haecker
(1879-1945)

Vom Wesen der Schönheit

»Schön ist, was gefällt« und: Das, was gefällt, ist das Schöne.
(...) Was aber gefällt denn? An einer Rose, (...) Was ist denn schön an der Rose? Darauf gibt es nun in der Tat keine Antwort. Die Frage ist vielleicht eine Fehlfrage. Es ist vielleicht eine falsche Frage, deren es in der Philosophie so viele gibt. Nichts an der Rose ist schön, außer sie selber. Sie selber ist schön. Ich kann bei der Rose abstrahieren ihre Farbe, ihre Form und Gestalt, ihre Kontur, ihren Duft; ich kann von ihr nicht in derselben Weise abstrahieren ihr Schönsein. Sie selber ist schön, so durch und durch, daß ihr Schönsein ihr Sein selber zu sein scheint. (...)
Das Schöne genügt sich selber, scheinbar schon in dieser Welt. Was aber genügt mehr sich selbst, als was überfließt?! Das Schöne aller Stufen und Ordnungen, welche die Stufen und Ordnungen des Seins selber sind, ist ein überfließendes Sein, das eben darum von einer selbstgenügsamen beschränkten Wissenschaft ohne Weisheit, von einer separierten und stolzen Ethik ohne Heiligkeit so leicht und so falsch - das falsche ist ja in diesem Äon viel leichter als das Richtige - für überflüssig gehalten wird, während doch im Elend dieser Welt es gerade das ist, was nottut.

(...) Die Religion der Christen ist die Selbstoffenbarung des Dreieinigen Gottes, anfangend mit dem Gesetz und den Propheten und endigend im Menschgewordenen Sohne Gottes, im Logos, in der zweiten Person der Trinität Selber. Gott wurde Mensch, und Er lehrte - : in der Sprache des Menschen. Daß es in einer bestimmten historischen Volkssprache geschah, ist Seine freie Wahl und Vorliebe, aber die Lehre ist übersetzbar - es ist damit nicht gesagt, daß es leicht und ohne mithelfende Gnade möglich sei - in jede andere Sprache, denn sie transzendiert jeglichen Unterschied der Art und Rasse und also der Sprache. Sie offenbart das göttliche Sein Selber, also das Eine, das Wahre, das Gute und - das Schöne. Die Sprache des Menschen ist vorausgesetzt wie die ganze Natur. Und was gehört im innigen Verein mit der Vernunft so sehr zur Natur des Menschen wie seine Sprache? Wohlan denn, mit welchem Worte bezeichnet die christliche Religion und Theologie das Auszeichnende, ja das radikal Neue der Offenbarung im Logos Gottes; welches Wort aus dem natürlichen Sprachbereich und Gebrauch des Menschen gibt sie unvertauschbar durch ein anderes, dem innersten Prinzip, das ein Neues Leben schaffen soll? Welchen Namen gibt sie dem an sich Unvergleichlichen? Sie nennt es das Reich der Gnade, der gratia, der
cariz. Damit fängt sie auf der Stelle an. Alle großen Dinge fangen auf der Stelle mit den Gipfeln an, und von ihnen haben wir ihre Namen. Wenn man das Ganze sagen will, das All eines Seins, dann muß es in der Sprache des Menschen, die endlich und begrenzt ist, als äußerstes, als die blanke Schärfe, Schneide und Spitze gesagt werden. So ist das meiste im Evangelium gesagt. Woher aber ist dieses Wort Gnade, gratia, cariz, genommen? Wo ist es daheim? Es ist ursprünglich und unmittelbar daheim, nicht im Wahren und Guten, sondern im Schönen! Und dann erst auch im Wahren und Guten. Wir meinen, daß diese unbezweifelbare, vor aller Augen offen daliegende, aber vielleicht eben deshalb gar nicht beachtete und so gut verborgene Tatsache der Meditation schließlich doch wohl wert ist. Wird diese ernstlich und tief getätigt, so führt sie nicht zu einem ästhetischen Christentum, wohl aber zu einer christlichen Ästhetik, die auch die natürliche klärt und erklärt, ja schließlich verklärt. Eine natürliche Analogie also zur übernatürlichen Gnade mag sein »das Schöne« dadurch, daß es immer für den empfänglichen Geist den untrüglichen Charakter des Geschenkes hat, des freien, bedingungslosen, nach keinem Verdient fragenden Mitteilens, des »gratis«, das aus derselben Wurzel ist, des »Umsonst«.
Das Schöne scheint zu gleicher Zeit sowohl mehr als auch weniger zu sein als das Wahre und das Gute.
Das also ist das Mehr, daß es das unbestrittene Privilegium hat, ein Bild und ein Gleichnis zu sein für ein Prinzip und existentielles Wesen Gottes im Verhältnis und im Verhalten zu Seiner Schöpfung, für die gratia,
cariz, die Gnade. Und das ist noch nicht genug, das geht weiter. Die höchste Offenbarung des göttlichen Seins ist, das Gott die Liebe ist. Der Gott, dessen Reich ein Reich der Gnade ist, ist in Seinem Eigenen Trinitarischen Sein und Dasein, und nicht bloß in Seinem Verhältnis zu Seiner Schöpfung, die Liebe.
Die Liebe aber ist schön, und alle ihre Werke und nur ihre sind schön und der Liebe würdig. Schön ist, was gefällt. Eifernd sind wir auf der Unerschütterlichkeit dieses Satzes bestanden, indem wir zwar selbstverständlich zugaben, daß auch das Wahre und das Gute gefällt, aber hinzufügten, daß es eben gefalle, weil es zugleich schön ist, denn nur das Schöne gefällt. Wenn etwas anderes auch gefällt, so hat es neben dem, was es sonst auch noch und vielleicht an erster Stelle ist, diese Eigenheit des Seins: schön zu sein. Schön ist, was gefällt, und was gefällt - wird geliebt. Also wird das Schöne geliebt, in hierarchischen Ordnungen und Stufen. Das Geliebte, das selber nicht lieben kann, wird vom Menschen geliebt, weil es ein Werk der schöpferischen Liebe Gottes ist. Also wird die Liebe höher geliebt. Auch im Geliebten wird die Liebe geliebt, die Liebe, die es so geschaffen hat, daß es geliebt werden kann. In einem sokratischen Streite, wer schöner sei, der Liebende oder der Geliebte, haben wir von Ewigkeit her entschieden, daß der Liebende schöner ist. Der Geliebte, der stolz ist darauf, geliebt zu werden, erhält dadurch einen Flecken der Häßlichkeit; aber geliebt werden kann er immer noch. Wer aber stolz ist darauf, zu lieben, der - liebt nicht, denn es gibt keinen Sinn. Niemals kann der Liebende häßlich sein, der wahrhaft Liebende freilich. Die Menschen, die stolz sind auf ihre Liebe, zu was auch immer, verstehen sich und einander und die Liebe nicht. Sie reden von etwas anderem, von ihrer Leidenschaft, libido, cupiditas, superbia.
Die Liebe liebt am höchsten die Liebe. Das höchste Werk der Allmacht als Liebe ist die Erschaffung des liebenden Geschöpfes, und es ist zugleich im selben Nu das schönste. (...)
Das Schöne ist: gratis. Nicht bloß in einem äußeren hinzukommenden Sinne, wie man es von vielen Dingen sagen kann, sondern sein innerstes Wesen selber ist das des  »gratis«, des schlechthin Verdienstlosen. Daß das Schöne eine Offenbarung ist und ein untrügliches Kennzeichen des Liebenswerten, dessen, was der Liebe würdig ist, ist des Menschen fühlende und gefühlte Erfahrung schon vor der »Offenbarung«, seine Sprache kündet es und spricht es aus. Daß es eine Weise der natürlichen Offenbarung des Glanzes der Liebe selber ist, das ist erst ein Wissen nach dem und durch den Glauben, ein Erkennen auf Grund der Selbstoffenbarung des trinitarischen Gottes: daß Er die Liebe IST. Das Schöne ist gratis, und zwar in einem totalem Sinne. Das Schöne der Natur und das Schöne der Kunst. Das Schöne ist weder Mittel noch Zweck, ja in einem strikten Sinn auch nicht Ziel. (...)
Die Liebe des Geschöpfes zu Gott ist das Meisterwerk, über das kein höheres ist, der Liebe Gottes zum Geschöpf.

Aus: Theodor Haecker - Schönheit. Ein Versuch (1936)

 

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