Theodor Haecker
(1879-1945)
Vom Wesen der Schönheit
»Schön ist, was gefällt« und:
Das, was gefällt, ist das Schöne.
(...) Was aber gefällt denn? An einer Rose, (...) Was ist denn
schön an der Rose? Darauf gibt es nun in der Tat keine Antwort. Die Frage
ist vielleicht eine Fehlfrage. Es ist vielleicht eine falsche Frage, deren
es in der Philosophie so viele gibt. Nichts an der Rose ist schön, außer
sie selber. Sie selber ist schön. Ich kann bei der Rose abstrahieren ihre
Farbe, ihre Form und Gestalt, ihre Kontur, ihren Duft; ich kann von ihr
nicht in derselben Weise abstrahieren ihr Schönsein. Sie selber ist
schön, so durch und durch, daß ihr Schönsein ihr Sein selber zu sein
scheint. (...)
Das Schöne genügt sich selber, scheinbar schon in dieser Welt. Was aber
genügt mehr sich selbst, als was überfließt?! Das Schöne aller Stufen und
Ordnungen, welche die Stufen und Ordnungen des Seins selber sind, ist ein
überfließendes Sein, das eben darum von einer selbstgenügsamen
beschränkten Wissenschaft ohne Weisheit, von einer separierten und
stolzen Ethik ohne Heiligkeit so leicht und so falsch - das falsche
ist ja in diesem Äon viel leichter als das Richtige - für überflüssig
gehalten wird, während doch im Elend dieser Welt es gerade das ist, was
nottut.
(...) Die Religion der Christen ist die Selbstoffenbarung des Dreieinigen
Gottes, anfangend mit dem Gesetz und den Propheten und endigend im
Menschgewordenen Sohne Gottes, im Logos, in der zweiten Person der
Trinität Selber. Gott wurde Mensch, und Er lehrte - : in der Sprache des
Menschen. Daß es in einer bestimmten historischen Volkssprache geschah,
ist Seine freie Wahl und Vorliebe, aber die Lehre ist übersetzbar -
es ist damit nicht gesagt, daß es leicht und ohne mithelfende Gnade
möglich sei - in jede andere Sprache, denn sie transzendiert jeglichen
Unterschied der Art und Rasse und also der Sprache. Sie offenbart das
göttliche Sein Selber, also das Eine, das Wahre, das Gute und - das
Schöne. Die Sprache des Menschen ist vorausgesetzt wie die ganze Natur.
Und was gehört im innigen Verein mit der Vernunft so sehr zur Natur des
Menschen wie seine Sprache? Wohlan denn, mit welchem Worte bezeichnet die
christliche Religion und Theologie das Auszeichnende, ja das radikal Neue
der Offenbarung im Logos Gottes; welches Wort aus dem natürlichen
Sprachbereich und Gebrauch des Menschen gibt sie unvertauschbar durch ein
anderes, dem innersten Prinzip, das ein Neues Leben schaffen soll? Welchen
Namen gibt sie dem an sich Unvergleichlichen? Sie nennt es das Reich der
Gnade, der gratia, der
cariz.
Damit fängt sie auf der
Stelle an. Alle großen Dinge fangen auf der Stelle mit den Gipfeln an, und
von ihnen haben wir ihre Namen. Wenn man das Ganze sagen will, das All
eines Seins, dann muß es in der Sprache des Menschen, die endlich und
begrenzt ist, als äußerstes, als die blanke Schärfe, Schneide und Spitze
gesagt werden. So ist das meiste im Evangelium gesagt. Woher aber ist
dieses Wort Gnade, gratia,
cariz,
genommen? Wo ist es daheim? Es ist ursprünglich und unmittelbar daheim,
nicht im Wahren und Guten, sondern im Schönen! Und dann erst auch
im Wahren und Guten. Wir meinen, daß diese unbezweifelbare, vor aller
Augen offen daliegende, aber vielleicht eben deshalb gar nicht beachtete
und so gut verborgene Tatsache der Meditation schließlich doch wohl wert
ist. Wird diese ernstlich und tief getätigt, so führt sie nicht zu einem
ästhetischen Christentum, wohl aber zu einer christlichen Ästhetik, die
auch die natürliche klärt und erklärt, ja schließlich verklärt. Eine
natürliche Analogie also zur übernatürlichen Gnade mag sein »das Schöne«
dadurch, daß es immer für den empfänglichen Geist den untrüglichen
Charakter des Geschenkes hat, des freien, bedingungslosen, nach keinem
Verdient fragenden Mitteilens, des »gratis«, das aus derselben Wurzel ist,
des »Umsonst«.
Das Schöne scheint zu gleicher Zeit sowohl mehr als auch weniger zu
sein als das Wahre und das Gute.
Das also ist das Mehr, daß es das unbestrittene Privilegium hat, ein
Bild und ein Gleichnis zu sein für ein Prinzip und existentielles Wesen
Gottes im Verhältnis und im Verhalten zu Seiner Schöpfung, für die
gratia, cariz,
die Gnade. Und das ist noch nicht genug, das geht weiter. Die höchste
Offenbarung des göttlichen Seins ist, das Gott die Liebe ist. Der Gott,
dessen Reich ein Reich der Gnade ist, ist in Seinem Eigenen Trinitarischen
Sein und Dasein, und nicht bloß in Seinem Verhältnis zu Seiner Schöpfung,
die Liebe.
Die Liebe aber ist schön, und alle ihre Werke und nur ihre sind
schön und der Liebe würdig. Schön ist, was gefällt. Eifernd sind wir auf
der Unerschütterlichkeit dieses Satzes bestanden, indem wir zwar
selbstverständlich zugaben, daß auch das Wahre und das Gute gefällt, aber
hinzufügten, daß es eben gefalle, weil es zugleich schön
ist, denn nur das Schöne gefällt. Wenn etwas anderes auch gefällt,
so hat es neben dem, was es sonst auch noch und vielleicht an erster
Stelle ist, diese Eigenheit des Seins: schön zu sein. Schön ist, was
gefällt, und was gefällt - wird geliebt. Also wird das Schöne geliebt, in
hierarchischen Ordnungen und Stufen. Das Geliebte, das selber nicht lieben
kann, wird vom Menschen geliebt, weil es ein Werk der schöpferischen Liebe
Gottes ist. Also wird die Liebe höher geliebt. Auch im Geliebten wird die
Liebe geliebt, die Liebe, die es so geschaffen hat, daß es geliebt werden
kann. In einem sokratischen Streite, wer schöner sei, der Liebende oder
der Geliebte, haben wir von Ewigkeit her entschieden, daß der Liebende
schöner ist. Der Geliebte, der stolz ist darauf, geliebt zu werden, erhält
dadurch einen Flecken der Häßlichkeit; aber geliebt werden kann er immer
noch. Wer aber stolz ist darauf, zu lieben, der - liebt nicht, denn es
gibt keinen Sinn. Niemals kann der Liebende häßlich sein, der wahrhaft
Liebende freilich. Die Menschen, die stolz sind auf ihre Liebe, zu was
auch immer, verstehen sich und einander und die Liebe nicht. Sie reden von
etwas anderem, von ihrer Leidenschaft, libido, cupiditas,
superbia.
Die Liebe liebt am höchsten die Liebe. Das höchste Werk der Allmacht als
Liebe ist die Erschaffung des liebenden Geschöpfes, und es ist
zugleich im selben Nu das schönste. (...)
Das Schöne ist: gratis. Nicht bloß in einem äußeren hinzukommenden
Sinne, wie man es von vielen Dingen sagen kann, sondern sein innerstes
Wesen selber ist das des »gratis«, des schlechthin
Verdienstlosen. Daß das Schöne eine Offenbarung ist und ein untrügliches
Kennzeichen des Liebenswerten, dessen, was der Liebe würdig ist,
ist des Menschen fühlende und gefühlte Erfahrung schon vor der
»Offenbarung«, seine Sprache kündet es und spricht es aus. Daß es eine
Weise der natürlichen Offenbarung des Glanzes der Liebe selber ist, das
ist erst ein Wissen nach dem und durch den Glauben, ein Erkennen auf Grund
der Selbstoffenbarung des trinitarischen Gottes: daß Er die Liebe IST. Das
Schöne ist gratis, und zwar in einem totalem Sinne. Das Schöne der
Natur und das Schöne der Kunst. Das Schöne ist weder Mittel noch Zweck, ja
in einem strikten Sinn auch nicht Ziel. (...)
Die Liebe des Geschöpfes zu Gott ist das Meisterwerk, über das kein
höheres ist, der Liebe Gottes zum Geschöpf.
Aus: Theodor Haecker
- Schönheit. Ein Versuch (1936)