In des Herzens Ruhekammer ...
Texte zum Nachsinnen
(27. Dezember 2006)









 



Franz von Sales
(1567-1622)

Allgemeine Beschreibung der Liebe

Durch die Liebe finden wir zunächst Gefallen an etwas Gutem; daher geht die Liebe gewiß auch dem Wunsche voraus. Was wünscht man sich denn tatsächlich, als das, was man lieb hat? Die Liebe geht auch der Freude voraus; denn wie könnte man am Genuß einer Sache Freude haben, wenn man sie nicht liebte? Sie geht der Hoffnung voraus; denn man erhofft sich nur das Gute, das man liebt. Sie geht dem Haß voraus, denn wir hassen das Schlechte nur, weil wir das Gute lieben; das Schlechte ist ja auch nur schlecht, weil es dem Guten entgegengesetzt ist. (...)
Liebe ist doch eigentlich Wohlgefallen am liebenswerten Wesen und Bewegung oder Überströmen des Willens zu ihm hin.
Wohlgefallen ist aber erst der Anfang der Liebe. Das Bewegtsein oder das Hinströmen des Herzens, das sich aus dem Wohlgefallen ergibt, ist die wahre, wesenhafte Liebe. Das eine wie das andere kann man Liebe nennen, aber in verschiedenem Sinn.
Wie man die Morgendämmerung Tag nennen kann, so kann man auch das erste Wohlgefallen des Herzens am geliebten Wesen als Liebe bezeichnen, weil es ja dessen erste Regung ist. Wie man aber eigentlich unter Tag nur die Zeit vom Ende der Morgendämmerung an bis zum Sonnenuntergang versteht, so ist auch das eigentliche Wesen der Liebe das Bewegtsein und Überströmen des Herzens, das dem Wohlgefallen sofort folgt und in der Vereinigung zur Vollendung kommt.
Mit einem Wort, das Wohlgefallen am Guten ist der erste Aufbruch, die erste Regung, die das Gute im Willen hervorruft. Ihm folgt auf dem Fuße das Sichhinbewegen, das Hinströmen des Willens, wodurch dieser vorwärtsstrebt und sich dem geliebten Wesen nähert - und das ist die wahre und eigentliche Liebe.
Sagen wir es so: Dadurch, daß es gefällt, ergreift das Gute das Herz, packt und fesselt es; durch die Liebe aber zieht es das Herz an, reißt es an sich und vereinigt es mit sich. Dadurch, daß es gefällt, lockt es das Herz an, aus sich herauszutreten, durch die Liebe treibt es aber das Herz an, den Weg zu gehen, die Reise zu unternehmen. Wohlgefallen ist das Erwachen des Herzens, Liebe ist seine Tat; Wohlgefallen bestimmt es, sich zu erheben, Liebe, vorwärtszustreben. Das Herz spannt im Wohlgefallen seine Flügel zum Fluge aus, Liebe aber ist sein Flug. Liebe ist also, klar und eindeutig gesagt, Bewegung, Überströmen, Hinstreben des Herzens zum Guten. (...)

Aus: Franz von Sales Abhandlung über die Gottesliebe

 

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