Franz von Sales
(1567-1622)
Allgemeine Beschreibung der Liebe
Durch die Liebe finden wir zunächst Gefallen an
etwas Gutem; daher geht die Liebe gewiß auch dem Wunsche voraus. Was
wünscht man sich denn tatsächlich, als das, was man lieb hat? Die Liebe
geht auch der Freude voraus; denn wie könnte man am Genuß einer Sache
Freude haben, wenn man sie nicht liebte? Sie geht der Hoffnung voraus;
denn man erhofft sich nur das Gute, das man liebt. Sie geht dem Haß
voraus, denn wir hassen das Schlechte nur, weil wir das Gute lieben; das
Schlechte ist ja auch nur schlecht, weil es dem Guten entgegengesetzt ist.
(...)
Liebe ist doch eigentlich Wohlgefallen am liebenswerten Wesen und Bewegung
oder Überströmen des Willens zu ihm hin.
Wohlgefallen ist aber erst der Anfang der Liebe. Das Bewegtsein oder das
Hinströmen des Herzens, das sich aus dem Wohlgefallen ergibt, ist die
wahre, wesenhafte Liebe. Das eine wie das andere kann man Liebe nennen,
aber in verschiedenem Sinn.
Wie man die Morgendämmerung Tag nennen kann, so kann man auch das erste
Wohlgefallen des Herzens am geliebten Wesen als Liebe bezeichnen, weil es
ja dessen erste Regung ist. Wie man aber eigentlich unter Tag nur die Zeit
vom Ende der Morgendämmerung an bis zum Sonnenuntergang versteht, so ist
auch das eigentliche Wesen der Liebe das Bewegtsein und Überströmen des
Herzens, das dem Wohlgefallen sofort folgt und in der Vereinigung zur
Vollendung kommt.
Mit einem Wort, das Wohlgefallen am Guten ist der erste Aufbruch, die
erste Regung, die das Gute im Willen hervorruft. Ihm folgt auf dem Fuße
das Sichhinbewegen, das Hinströmen des Willens, wodurch dieser
vorwärtsstrebt und sich dem geliebten Wesen nähert - und das ist die wahre
und eigentliche Liebe.
Sagen wir es so: Dadurch, daß es gefällt, ergreift das Gute das Herz,
packt und fesselt es; durch die Liebe aber zieht es das Herz an, reißt es
an sich und vereinigt es mit sich. Dadurch, daß es gefällt, lockt es das
Herz an, aus sich herauszutreten, durch die Liebe treibt es aber das Herz
an, den Weg zu gehen, die Reise zu unternehmen. Wohlgefallen ist das
Erwachen des Herzens, Liebe ist seine Tat; Wohlgefallen bestimmt es, sich
zu erheben, Liebe, vorwärtszustreben. Das Herz spannt im Wohlgefallen
seine Flügel zum Fluge aus, Liebe aber ist sein Flug. Liebe ist also, klar
und eindeutig gesagt, Bewegung, Überströmen, Hinstreben des Herzens zum
Guten. (...)
Aus: Franz von Sales Abhandlung über die
Gottesliebe