In des Herzens Ruhekammer ...
Texte zum Nachsinnen
(22. Dezember 2006)









 



Sören Kierkegaard
(1813-1855)

Der Liebe Tun

Wir wollen mit einem kleinen Denkexperiment beginnen. Wenn ein Liebender für den Geliebten etwas, menschlich geredet, so Außerordentliches, so Hochherziges, so Aufopferndes getan hätte, daß wir Menschen sagen müßten: "das ist das Höchste was nur ein Mensch für den andern tun kann", so wäre das ja schön und gut. Angenommen aber, er fügte hinzu: "sieh, nun habe ich meine Schuld abgezahlt": wäre das nicht ein liebloses, kaltes und strenges Wort? wäre es nicht, wenn ich so sagen darf, eine Unanständigkeit, die man niemals hören sollte, die auch in der guten Gesellschaft der wahren Liebe unerhört ist! Wenn dagegen der Liebende nach seiner hochherzigen, aufopfernden Tat erklären würde: "ich habe jetzt noch eine Bitte, laß mich dir verpflichtet bleiben": wäre das nicht ein liebes Wort? Oder wenn der Liebende mit jedem Opfer den Wunsch des Geliebten willfahrte und dazu noch sagte: "es ist mir ein Vergnügen hiermit ein wenig an meiner Schuld abzutragen, in der ich doch gerade zu verbleiben wünsche": wäre das nicht ein liebes Wort? Oder wenn er rein verschwiege daß es ihn ein Opfer kostete; lediglich weil er den verwirrenden Gedanken fernehalten wollte, es könnte einen Augenblick wie ein Abtrag an der Schuld erscheinen: wäre das nicht ein Gedanke wirklicher Liebe? Wenn dem so ist, so ist ja damit ausgedrückt daß in einem Verhältnis der Liebe ein eigentliches Rechnen und Zählen undenkbar, unerträglich ist. Eine Abrechnung läßt sich nur anstellen wo das Verhältnis ein endliches ist; denn das Verhältnis des Endlichen zum Endlichen läßt sich ausrechnen. Der Liebende aber kann nicht rechnen. Wenn die linke Hand nie zu wissen bekommt was die rechte tut, so läßt sich unmöglich eine Rechnung abschließen; ebensowenig, wenn die Schuld unendlich ist. Mit einer unendlichen Größe kann man nicht rechnen, denn berechnen heißt gerade verendlichen.

Der Liebende wünscht also um seiner selbst willen in der Schuld zu bleiben; er wünscht nicht von irgendeinem Opfer entbunden zu werden, durchaus nicht. Willig, unbeschreiblich willig (wie es ein tätiges, schäftiges Ding um die Liebe ist) will er alles tun und fürchtet nur das eine, er könnte alles so tun daß er aus der Schuld käme. Das ist, recht verstanden, die Furcht; der Wunsch ist, in der Schuld zu bleiben; und das ist zugleich die Pflicht, die Aufgabe. Ist die Liebe in uns Menschen nicht so vollkommen daß dies unser Wunsch ist, so soll die Pflicht uns dazu behilflich sein daß wir in der Schuld verbleiben.

Wenn es Pflicht ist daß wir in der Liebe Schuld gegeneinander bleiben, so müssen wir früh und spät, ja ewig wachsam sein, daß die Liebe nie bei sich selbst verweile oder sich mit der Liebe in anderen Menschen vergleiche oder sich mit ihren eigenen Leistungen vergleiche, die sie vollbracht hat. (…)

Das Element der Liebe aber ist Unendlichkeit, Unerschöpflichkeit, Unermeßlichkeit. Willst du daher deine Liebe bewahren, so achte darauf, daß sie, durch die Unendlichkeit der Schuld zu Freiheit und Leben gefangen, beständig in ihrem Element bleibe; sonst siecht sie hin und erstirbt, nicht über kurz oder lang, sondern sofort: was eben ein Zeichen für diese ihre Vollkommenheit ist daß sie allein in der Unendlichkeit leben kann. (...)

So auch mit der Liebe. Willst du die Liebe bewahren, mußt du sie in der Unendlichkeit der Schuld bewahren. Hüte dich darum vor dem Vergleichen! Wer den kostbarsten Schatz der Welt bewacht, braucht nicht so ängstlich darüber zu wachen daß niemand etwas davon erfahre; denn du mußt zugleich darüber wachen, daß du nicht durch Vergleichen selbst etwas von der Liebe zu wissen bekommest. Hüte dich vor den Vergleichen! Das Vergleichen ist die unseligste Verbindung in die die Liebe eintreten kann; das Vergleichen ist die gefährlichste Bekanntschaft die die Liebe machen kann; das Vergleichen ist die schlimmste aller Verführungen. (…) Hüte dich daher in deiner Liebe vor dem Vergleichen!

Ist aber das Vergleichen das einzige das der Liebe gefährlich werden könnte, indem es  sie aus der Schuld bringt, so bleibt sie, wenn sie dem Vergleichen entgeht, gesund und lebensfrisch in der unendlichen Schuld. In der Schuld zu bleiben ist ein unendlich hinterlistiger und doch unendlich treffender Ausdruck für die Unendlichkeit der Liebe.

Aus: Sören Kierkegaard Der Liebe Tun

 

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