Dietrich von Hildebrand
(1889-1977)
Die Schönheit
Die Schönheit hat eine fundamentale Bedeutung für
den Menschen. Vor allem ist sie ein Abglanz Gottes, ein Abglanz seiner
unendlichen Schönheit, ein echter Wert, etwas in sich Bedeutsames, das
Gott preist. Darum ist die Frage was sie für das menschliche Leben
leistet, sekundärer Natur. Trotzdem ist diese Frage hochbedeutsam. Es ist
von größter Wichtigkeit, zu begreifen, welches zentrale objektive Gut die
Existenz schöner Dinge für den Menschen darstellt. Vom Standpunkt der
Ökologie des Geistes ist es dringend notwendig, daß wir verstehen, welche
furchtbare Verarmung, Schädigung, ja Untergrabung der menschlichen
Existenz in der Entpoetisierung des Lebens, in der Zerstörung der
Schönheit der Natur und vor allem der der Architektur liegt. (...)
Die Schönheit ist nicht nur eine zentrale Glücksquelle, sie hat auch eine
große Bedeutung für die Entfaltung der Persönlichkeit, insbesondere in
sittlicher Hinsicht. Platon sagt: "Im Anblick der Schönheit wachsen der
Seele Flügel". Die echte Schönheit befreit uns in mannigfacher Hinsicht
von der Erdenschwere. Sie zieht uns heraus aus der stumpfen Gefangenschaft
des alltäglichen Lebens. Im Anblick des wahrhaft Schönen werden wir
befreit von der Spannung auf das nächste praktische Ziel. Wir werden
kontemplativ und dies hat einen großen Wert. Wir werden weiter; ja unsere
Seele wird selbst schöner, wenn uns die Schönheit trifft, ergreift und
begeistert. Sie hebt uns über alles Niedrige, Gemeine hinaus. (...)
Die Schönheit hat tatsächlich eine sittlich veredelnde Wirkung und der
Kontakt mit schönen Dingen, mit einer von Schönheit getränkten Umgebung,
hat nicht nur einen ausgesprochenen Schutz gegen Unreinheit, Niedrigkeit,
Sich-Gehenlassen aller Art, Roheit und Unwahrhaftigkeit, sondern erhebt
uns auch positiv sittlich. Schönheit ist etwas Ernstzunehmendes. Sie zieht
uns nicht in einen selbstbezogenen Genuß, in ein Nur-Genießenwollen
hinein, sondern sie schließt unsere Herzen auf. Sie lädt uns zur
Transzendenz ein, sie führt uns in conspectum Dei (vor Gottes
Angesicht).
Aus: Dietrich von Hildebrand
Gesammelte Werke Band V: Ästhetik 1
[Ein Buch über die Schönheit]