In des Herzens Ruhekammer ...
Texte zum Nachsinnen
(9. Dezember 2006)









 



Dietrich von Hildebrand
(1889-1977)

Die Schönheit

Die Schönheit hat eine fundamentale Bedeutung für den Menschen. Vor allem ist sie ein Abglanz Gottes, ein Abglanz seiner unendlichen Schönheit, ein echter Wert, etwas in sich Bedeutsames, das Gott preist. Darum ist die Frage was sie für das menschliche Leben leistet, sekundärer Natur. Trotzdem ist diese Frage hochbedeutsam. Es ist von größter Wichtigkeit, zu begreifen, welches zentrale objektive Gut die Existenz schöner Dinge für den Menschen darstellt. Vom Standpunkt der Ökologie des Geistes ist es dringend notwendig, daß wir verstehen, welche furchtbare Verarmung, Schädigung, ja Untergrabung der menschlichen Existenz in der Entpoetisierung des Lebens, in der Zerstörung der Schönheit der Natur und vor allem der der Architektur liegt. (...)
Die Schönheit ist nicht nur eine zentrale Glücksquelle, sie hat auch eine große Bedeutung für die Entfaltung der Persönlichkeit, insbesondere in sittlicher Hinsicht. Platon sagt: "Im Anblick der Schönheit wachsen der Seele Flügel". Die echte Schönheit befreit uns in mannigfacher Hinsicht von der Erdenschwere. Sie zieht uns heraus aus der stumpfen Gefangenschaft des alltäglichen Lebens. Im Anblick des wahrhaft Schönen werden wir befreit von der Spannung auf das nächste praktische Ziel. Wir werden kontemplativ und dies hat einen großen Wert. Wir werden weiter; ja unsere Seele wird selbst schöner, wenn uns die Schönheit trifft, ergreift und begeistert. Sie hebt uns über alles Niedrige, Gemeine hinaus. (...)
Die Schönheit hat tatsächlich eine sittlich veredelnde Wirkung und der Kontakt mit schönen Dingen, mit einer von Schönheit getränkten Umgebung, hat nicht nur einen ausgesprochenen Schutz gegen Unreinheit, Niedrigkeit, Sich-Gehenlassen aller Art, Roheit und Unwahrhaftigkeit, sondern erhebt uns auch positiv sittlich. Schönheit ist etwas Ernstzunehmendes. Sie zieht uns nicht in einen selbstbezogenen Genuß, in ein Nur-Genießenwollen hinein, sondern sie schließt unsere Herzen auf. Sie lädt uns zur Transzendenz ein, sie führt uns in conspectum Dei (vor Gottes Angesicht).

Aus: Dietrich von Hildebrand
Gesammelte Werke Band V: Ästhetik 1
[Ein Buch über die Schönheit]

 

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