In des Herzens Ruhekammer ...
Texte zum Nachsinnen
(6. September  2007)






 

Rabindranath Tagore
(1861-1941)

Religion und Schlichtheit



 

 


 

Religion und Schlichtheit

Das, was zu erschaffen wir selbst uns anschicken, wird letztendlich kompliziert. Unsere Gesellschaft ist kompliziert, unsere Welt ist kompliziert, der Lauf unseres Lebens ist kompliziert. Indem sie durch ihre mannigfache Vielfalt Fülle und Mächtigkeit vortäuscht, überwältigt diese Kompliziertheit oft unseren törichten Geist. Unser unwissender Intellekt schreibt gerade dem philosophischen Werk, dessen Inhalt überaus verschlungen ist, besondere Gelehrsamkeit zu und empfindet Erstaunen. Die Zivilisation, deren gesamte Läufe und Methoden schwer zu begreifen und verwirrt sind, deren Maschinerie und Fabriken, Vorbereitungen und Zutaten reichlich und ausgedehnt sind, verwirrt unser schwaches Gemüt. Aber der Philosoph ist wahrhaft fähig und mit Geisteskraft versehen, der die Philosophie leicht machen und erklären kann; die Zivilisation ist wahrhaft fortgeschrittener, die alle ihre Einrichtungen durch Schlichtheit geregelt und überall leicht zugänglich machen kann. Wie auch immer sie äußerlich aussehen möge – gerade Kompliziertheit ist Schwäche, ist Misserfolg; Vollkommenheit aber ist Schlichtheit. Religion ist das einzige, höchste Ideal jener Vollkommenheit, deshalb auch von Schlichtheit.

Aber so groß ist unser Unglück, daß der Mensch ebendiese Religion mit der größten Kompliziertheit der Welt erfüllt hat. Durch unzählige Regeln und Gebete, künstliche Ritualhandlungen, komplizierte Doktrinen und mannigfache Einbildung ist sie so undurchdringlich und schwer zugänglich geworden, daß in jener selbstgemachten dunklen Kompliziertheit des Menschen tagtäglich irgendein Beharrlicher irgendeine neue Gemeinde gründet, indem er irgendeinen neuen Pfad vorzeichnet. Durch den Zusammenprall der verschiedenen Gemeinden und Doktrinen sind auf der Erde Hader und Haß, Unfrieden und Unheil grenzenlos.

Warum ist es so gekommen? Der einzige Grund hierfür ist, daß wir uns nicht mit ganzem Herzen der Religion ergeben, sondern versucht haben, die Religion uns entsprechend zu gestalten, daß wir, um uns die Religion wie andere notwendige Gegenstände dieser Welt besonders brauchbar zu machen, sie den eigenen Maßstäben gemäß in besonderer Weise zurechtstutzen.

Kein Zweifel, die Religion ist für uns das allerhöchste Unentbehrliche; aber gerade deshalb wird, sobald man sich anschickt, sie sich brauchbar zu machen, eben diese ihre allerhöchste Unentbehrlichkeit zerstört. Gerade weil sie jenseits der kleinen Unterschiede von Land, Zeit und Volk, weil sie makellos und unveränderlich ist, ist sie für alle unsere Tage, für alle unsere Lebenslagen so überaus unentbehrlich. Gerade, weil sie jenseits von uns ist, gibt sie uns für ewige Zeit bei allen Veränderungen festen Halt.

Aber die Religion muß man sich doch vorstellen! Möchte man sie sich vorstellen, so muß man sie unserer Natur gemäß gestalten. Doch die Natur des Menschen ist mannigfaltig; folglich wird gemäß dieser Mannigfaltigkeit das, was eins ist, zu vielem. Wo vieles ist, dort ist Kompliziertheit unvermeidlich; wo Kompliziertheit ist, dort kommt von alleine Hader hinzu.

Aber die Religion braucht man sich nicht vorzustellen!
Gott, der Herrscher über die Religion, ist jenseits der Vorstellung. Was wir uns vorstellen, ist nicht er, es ist irgend etwas anderes; das ist nicht Religion, das ist die Welt. Folglich offenbaren sich darin alle Merkmale der Welt. Das Merkmal der Welt ist Mannigfaltigkeit, das Merkmal der Welt ist Hader.

Durch das, was wir uns vorstellen können, endet unsere Zufriedenheit; in dem, was wir uns vorstellen, kann jeden Augenblick eine Veränderung stattfinden. Gerade in der Hoffnung auf Glückseligkeit schicken wir uns an, uns alles vorzustellen; aber durch das, was wir uns vorstellen, endet unsere Glückseligkeit. Deshalb steht in der Upanisad:

 Was Fülle ist, das eben ist Glückseligkeit; was wenig ist, darin ist keine Glückseligkeit.

 Wenn wir jene Fülle zu wenigem machen, um sie unserer Vorstellung anzupassen, dann wird das Leid verursachen; wie aber soll man sich vor dem Leid schützen? Deshalb muß man in der Welt verhaftet die Fülle wahrnehmen; doch darf es nicht angehen, daß man jene Fülle durch die Welt zerstückelt und vermengt. ( ... )

Es war unser Indien, das einst das schlichte Ideal der Religion besaß. Die Kenntnis darüber finden wir in der Upanisad. Das Brahman, dessen Offenbarung darin enthalten ist, ist vollkommen, ist ungeteilt, ist nicht verstrickt in das Netz unserer Einbildung. Die Upanisad hat gesagt:

Es ist wahr, sonst wäre dieses ganze Universum unwahr. Es ist Wissen; was auch immer all dies ist, das ist sein Wissen; was es erfährt, das existiert, das ist wahr. Es ist unendlich. Es ist unendliche Wahrheit; es ist unendliches Wissen.

Dieses mannigfaltige Universum hat die Upanisad angesehen als aufgelöst in der unendlichen Wahrheit des Brahman, im unendlichen Wissen des Brahman. Die Upanishad hat sich keine bestimmte Welt vorgestellt, keinen bestimmten Tempel errichtet, an keinem bestimmten Ort ein bestimmtes Abbild ihm aufgestellt; sie hat alle Arten von Kompliziertheit, von Unstetigkeit der Einbildung abgewehrt, indem sie es allein in vollkommener Weise überall wahrgenommen hat. Wo sonst gibt es ein solch großartiges Ideal reiner Schlichtheit der Religion?

Daß wir nun aber nicht die ewigen Botschaften der Seher aus dem Bereich unseres Handelns verbannen, indem wir ohne Überlegung aussprechen: »Dieses Brahman der Upanisad ist uns unzugänglich«! Wir können den Luftraum nicht als schwer zugänglich bezeichnen, nur weil er nicht dazu geeignet ist, sich wie ein Erdklumpen durch uns ergreifen zu lassen. In der Tat ist er aus genau diesem Grunde leicht zugänglich. Was für das Erfassen geeignet ist, was der Berührung zugänglich ist, das allein hindert uns. Die mit unserer eigenen Hand erbaute kleine Mauer ist schwer passierbar, der unendliche Luftraum aber ist nicht schwer passierbar. Eine Mauer muß man überwinden, aber den Luftraum zu überwinde ergibt überhaupt keinen Sinn. Das rötliche Licht des Tagesanbruchs ist nicht zum Sammeln geeignet wie eine Handvoll Gold; wird man aus ebendiesem Grunde das rötliche Licht als schwer zu erlangen bezeichnen müssen? Ist in Wirklichkeit nicht eine Handvoll Gold schwer zu erlangen? Und muß irgend jemand den von den Strahlen des Tagesanbruchs erfüllten Luftraum erkaufen? Schon die Vorstellung, das Licht des Tagesanbruchs gegen Bezahlung zu kaufen, kann einem doch nicht in den Sinn kommen - es ist nicht schwer zu bezahlen, es ist unbezahlbar!

Dergestalt ist das Brahman der Upanisad. Es ist überall, innen und außen; es ist das Nächste, es ist das Weitentfernteste! Durch seine Wahrheit sind wir wahr, durch seine Freude sind wir offenbar.

 Wer würde schon den Körper bewegen, wer würde schon am Leben bleiben, wenn im Luftraum jene Freude nicht wäre?

Nur weil jene Freude den gewaltigen Luftraum erfüllt und ununterbrochen prangt, atmen wir in jedem Augenblick, bewahren wir in jedem Moment unser Leben:

Nur ein Körnchen Freude von dieser Freude genießen die anderen Lebewesen.

Aus eben dieser alles durchdringenden Freude werden alle diese Lebewesen geboren, durch eben diese alles durchdringende Freude leben alle diese Lebewesen, in eben diese alles durchdringende Freude gehen sie und treten sie ein.

Von allen Aussagen, die es über Gott gibt, ist diese Aussage die schlichteste, die einfachste. Um dieses Wesen des Brahman zu begreifen, muß man sich nichts vorstellen, nichts schaffen, nicht in die Ferne gehen, nicht auf den geeigneten Tag und Moment warten; sowie im Herzen Verlangen vorhanden ist, sowie der rechte Wunsch entsteht, ihn wahrzunehmen, strömt im Atem seine Freude, bebt im Lebenshauch seine Freude, wird im Intellekt seine Freude ausgebreitet, sehen wir, wie sich im Genuß seine Freude widerspiegelt. So, wie das Licht des Tages einzig und allein des Aufschlagens der Augen harrt, so harrt die Freude des Brahman nur des Sich-Entfaltens des Herzens.

Einst weilte ich allein auf einem Boot. Einmal zündete ich am Abend eine Kerze an und las ununterbrochen bis spät in die Nacht. Sowie ich müde die Leuchte löschte, füllte augenblicklich das Licht des vollen Mondes durch die geöffneten Fenster ringsum meine Kammer. Die durch meine eigene Hand entzündete einzige kleine Leuchte hatte dieses den Luftraum durchflutende unerschöpfliche Licht vor mir verborgen gehalten. Um diesen unermeßlichen Schatz der Helle zu gewinnen, mußte ich nicht mehr tun, als nur jene Leuchte mit einem Hauch auszublasen. Und was ich danach bekam! Ich bekam kein Ding, das ich bewegen konnte wie eine Leuchte, kein Ding, um es in eine Truhe zu packen: bekommen hatte ich Licht, Freude, Schönheit, Frieden. Ich hatte viel mehr kommen als das, was ich beiseite getan hatte; dennoch waren die Methoden, die beiden zu erlangen, völlig unterschiedlich.

Um das Brahman zu erlangen, muß man sich so bemühen, als wolle man Licht erlangen, nicht so, als wolle man Gold erlangen. Wenn man versucht, sich so zu bemühen, als wolle man Gold erlangen, entstehen mannigfach Hader und Haß, Hindernis und Mißgeschick, und wenn man sich so bemüht, als wolle man Licht erlangen, wird alles schlicht, einfach. Den eigenen Geist zu erwecken inmitten der beständigen Verbindung, die wir - ob wir es wissen oder nicht - mit dem Brahman haben: Das ist die Verwirklichung des Brahman-Erlangens. (…)

Die Ausländer und ihre Lieblingsschüler unter den Einheimischen sagen, die alten Hindu-Schriften hätten der Sünde nicht viel Aufmerksamkeit gewidmet; dies sei das Merkmal der Unvollständigkeit und Minderwertigkeit der Hindu-Religion. In Wirklichkeit ist gerade dies ein Beweis der Überlegenheit der Hindu-Religion. Wir waren bis an der Sünde und Tugend Wurzel selbst gelangt. Die Vereinigung des Geistes mit dem Ewigen, dessen Wesen Freude ist - darauf waren alle Bemühungen unserer Schriften gerichtet; wenn man diese Freude in richtiger Weise erlangt, entfernt sich mit einem Wort alle Sünde, wird alle Tugend erlangt. Wenn man eine Mutter immer nur anweisen muß: »Sei nicht unachtsam im Hüten deines Sohnes! Du mußt dies tun! Dieses brauchst du nicht zu tun!«, dann finden die Anweisungen kein Ende. Aber wenn wir sagen: »Liebe deinen Sohn!«, dann braucht man kein zweites Wort mehr zu sagen, alles wird schlicht. Folglich ist ohne jene Liebe das mütterliche Hegen vollkommen unmöglich. Wenn wir genauso sagen: »Das Brahman entfalte sich im Innern!«, dann braucht man kein weiteres Wort über die Sünde zu verlieren. Schauen wir aus der Sicht der Sünde, so ist alles endlos kompliziert; man kann nie aufhören, darüber nachzudenken, wie man sie vernichten muß, indem man sie zerbricht, verbrennt, mit der Wurzel ausreißt. Will man aus jenem Blickwinkel schauen, so muß man die Religion zu einem riesigen Schreckensbild machen. Aber schaut man aus der Sicht des Freuderfüllten, so verschwindet die Sünde augenblicklich wie Nebel. In westlichen religiösen Schriften sind Sünde und die Erlösung von Sünde überaus kompliziert und unerbittlich; das Gehirn des Menschen hat sie nach und nach undurchdringlich gestaltet und durch jene mannigfaltigen Sündenprinzipien Gott zerstückelt und schwer zu erlangen gemacht und die Religion geschwächt.

Vom Unwahren führe zur Wahrheit, von der Finsternis führe zur Helle, vom Tode führe zur Todlosigkeit!

Unser Mangel ist nur ein Mangel an Wahrheit, ein Mangel an Licht, ein Mangel an Todlosigkeit; alles Leid, alle Sünde und Freudlosigkeit unseres Lebens entstehen nur deswegen. Wer etwas vom Reichtum der Wahrheit, der Helle und der Todlosigkeit erhalten hat, der weiß, daß dies die Wurzel aller Mängel unseres Lebens vollständig herausreißt. Es sind allein alle jene Hindernisse, die seine Offenbarung vor uns verborgen halten, die vielfältige Gestalt annehmen und uns hinabführen in mannigfaches Leid und Erfolglosigkeit. Eben deshalb wünscht unser Geist Schutz vor der Umhüllung durch Unwahrheit, Finsternis und Untergang. Wenn er sagt: »Entferne mein Leid!«, dann sagt er, auch wenn er es letztendlich nicht versteht, ebendies; wenn er sagt: »Befreie mich aus meinem Elend!«, dann sagt er, obwohl er nicht weiß, was er wirklich wünscht, ebendies. Wenn er sagt: »Schütze mich vor Sünde!« dann ist es das gleiche. Auch ohne zu verstehen, sagt er:

O du dich selbst Offenbarender, offenbare dich mir!

So, wie wir durch Andacht versuchen werden, das innerhalb und außerhalb von uns Befindliche als vom Herrscher des Universums selbst ausgebreitet zu sehen, so werden wir beten, daß sich jegliches Hindernis zur bewußten Erfahrung der Wahrheit, der Helle, der Todlosigkeit, in denen wir uns immer befinden, auch entfernen möge - nämlich jene Unwahrheit, jene Finsternis, jener Tod. Was nicht ist, das wünschen wir nicht; was wir haben, das wollen wir erhalten: Dies allein ist der Gegenstand unseres Gebets. Was fern ist, das wollen wir nicht suchen; was schon durch die Kraft unseres Intellekts offenbart ist, das wollen wir wahrnehmen: Dies allein ist das Ziel unserer Andacht. So schlicht, so edel, so innig ist die Religion unseres alten Indiens; an ihr haftet kein selbst erschaffener Einbildungsnebel.

 Aus: Rabindranath Tagore Gesammelte Werke. Lyrik, Prosa, Dramen (2005)



 

 

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