In des Herzens Ruhekammer ...
Texte zum Nachsinnen
 









 



Bernhard von Clairvaux
(1090-1153)


Sei Schale und kein Rohr ...

Wenn du weise bist, wirst du dich daher als Schale, nicht als Rohr erweisen. Das Rohr nimmt fast zur gleichen Zeit auf und ergießt wieder, was es aufgenommen hat; die Schale aber wartet, bis sie voll ist, und gibt so, was überfließt, ohne eigenen Verlust weiter, denn sie weiß, daß der verwünscht ist, der seinen Anteil mindert. Und damit du nicht meinen Rat für verächtlich ansiehst, hör einen, der weiser ist als ich: "Der Tor", sagt Salomo, "zeigt alle seine Gefühle auf einmal, der Weise aber hebt für später auf." (Spr. 29,11) Wirklich, "Rohre" haben wir heute in der Kirche in großer Zahl, aber nur sehr wenige "Schalen". So groß ist die Liebe derer, durch die der himmlische Strom zu uns fließt, daß sie eher ergießen als aufnehmen wollen, daß sie bereitwilliger sind zu reden, als zu hören, daß sie schnell zur Hand sind zu lehren, was sie nicht gelernt haben, und danach verlangen, eine führende Stellung zu bekleiden, auch wenn sie nicht verstehen, sich selbst zu lenken.

Ich glaube, daß keine Stufe der Liebe, die zum Heil führt, über jene Stufe zu stellen ist, die der Weise aufgestellt hat, indem er sagt: "Erbarme dich deiner Seele und gefalle Gott". (Sir 30,24)

Wenn ich nur noch einen kleinen Rest Öls habe, um mich damit zu salben (2 Kön 4,2-5), glaubst du, ich müßte ihn dir geben und selbst mit leeren Händen zurückbleiben? Ich behalte ihn für mich und schaffe ihn nur auf ausdrückliches Geheiß des Propheten herbei. Sollten mich aber manche von denen, die mich etwa über das hinaus beurteilen, was sie an mir sehen oder von mir hören, mit ihren Bitten bestürmen, dann wird ihnen geantwortet werden: "Dann reicht es weder für uns noch für euch; geht doch zu den Händlern und kauft was ihr braucht." (Mt 25,9)

Aber "die Liebe", sagst du, "sucht nicht das Ihre." (1 Kor 13,5) Und weißt du, warum? Sie sucht nicht das Ihre, weil es ihr nicht fehlt. Wer würde denn etwas suchen, was er hat? Die Liebe hat jederzeit das Ihre, das heißt das zum eigenen Heil Nötige; sie hat es nicht nur, sondern hat es sogar im Überfluß. Sie will für sich Überfluß, damit sie ihn für alle haben kann. Für sich bewahrt sie soviel, daß keinem etwas fehle. Im übrigen ist sie nicht vollkommen, wenn sie sich nicht verströmt.

Du aber, mein Bruder, für den das eigene Heil noch nicht genug gefestigt ist, der du bis jetzt entweder keine Liebe hast oder eine, die noch so schwach und so dem Schilfrohr gleich ist, daß sie jedem Windhauch nachgibt, jedem Geist traut, von jedem Widerstreit der Meinungen hin- und hergetrieben wird – nein, deine Liebe ist sogar so groß, daß du über das Gebot hinaus deinen Nächsten mehr als dich selbst liebst, und doch wieder so klein, daß sie gegen das Gebot durch Gunstbezeigung schmilzt, durch Angst gelähmt, durch Traurigkeit verwirrt, durch Habgier eingeengt und durch Ehrgeiz vorangetrieben wird, daß sie durch Verdächtigungen beunruhigt, durch Spott verstört und durch Sorgen gequält wird, daß sie sich durch Ehren aufbläht und durch Neid zusammenfällt; du also, sage ich, der du dich im eigenen Inneren so erkennst, sprich, mit welcher Verblendung gehst du herum und findest Befriedigung, Fremdes zu heilen? Aber hör doch, was die wohlbedachte und wachsame Liebe sagt: "Nicht soll anderen Vergebung, euch aber Trübsal zuteil werden, sondern es soll Gleichheit herrschen." (2 Kor 8,13) Sei also nicht allzu gerecht! Es genügt, daß du deinen Nächsten wie dich selbst liebst: damit handelst du nach der Gleichheit. David spricht: "Wie an Mark und Fett sättige sich meine Seele, und mein Mund wird mit jubelnden Lippen dich preisen." (Ps 62,6) Gewiß wollte er, daß zuvor in ihn eingegossen werde und daß er nur so selbst entströmen lassen könne, ja, er wollte nicht nur, daß zuerst in ihn eingegossen werde, sondern auch daß er angefüllt werde, so daß er aus der Fülle überströme und nicht aus der Leere gähne: mit Bedacht zwar, daß nicht anderen Vergebung, ihm selbst aber Trübsal zuteil werde, aber ebenso auch aus lauterem Herzen, indem er den nachahmte, von dessen Fülle wir alle empfangen haben. Lerne auch du, nur aus dem Vollen auszugießen, und wünsche nicht, freigebiger als Gott selbst zu sein. Die Schale ahme die Quelle nach: Jene ergießt sich nicht in den Bach oder breitet sich zu einem See aus, ehe sie sich an den eigenen Wassern gesättigt hat. Die Schale schäme sich nicht, daß sie nicht verschwenderischer als ihre Quelle ist. Hat sich denn nicht jene Quelle des Lebens selbst, voll in sich und voll durch sich, zuerst sprudelnd in die nächsten Einsamkeiten der Himmel ergossen und alles mit Güte erfüllt und dann erst, nachdem sie die oberen und geheimnisvolleren Teile angefüllt hatte, sich über die Erde ergossen und aus ihrer Überfülle Menschen und Tieren dadurch Heil gebracht, daß sie ihr Erbarmen vervielfacht hat? Zuerst hat sie die innersten Tiefen erfüllt, und als sie so in ihrem großen Erbarmen überströmte, hat sie sich über die Erde ergossen, sie getränkt und in Fülle bereichert (Ps 64,10).

Handle also auch du ebenso! Werde zuerst voll, und dann magst du daran denken, aus deiner Fülle zu geben. Eine gütige und kluge Liebe pflegt zuzuströmen, nicht zu verrinnen.

(aus der 18. Predigt über das Hohe Lied)

 

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