In des Herzens Ruhekammer ...
Texte zum Nachsinnen
(24. Oktober  2007)






Abu Talib al-Makki (gest. 996)

Die Nahrung der Herzen

Über Schweigen








 

 


 

Über Schweigen

Nun zum Schweigen. Es befruchtet den Verstand, lehrt die Gewissenhaftigkeit und führt die Gottesfürchtigkeit herbei. Gott schafft durch es dem Menschen einen Ausweg in gesunder Auslegung und überlegendem Wissen, und er gibt ihm durch die Erwählung des Schweigens seine Hilfe zu treffendem Reden und richtigem Handeln. Einer der Altvorderen hat gesagt: "Ich lernte das Schweigen mit einem Kieselstein, den ich dreißig Jahre im Mund trug. Jedesmal, wenn ich reden wollte, kam meine Zunge durch ihn ins Stottern, so daß ich schwieg." Ein anderer sagte: "Ich hatte mir auferlegt, für jedes Wort, das ich zu etwas sage, was mich nichts angeht, ein Ritualgebet von zwei Gebetseinheiten zu verrichten. Doch da das für mich zu leicht wurde, habe ich mir für jedes Wort einen Fasttag auferlegt. (Auch das wurde mir zu leicht.) Schließlich habe ich mir auferlegt, für jedes Wort einen Dirham als Almosen zu spenden. Das war für mich hart. So kam ich ans Ziel." Uqba b. Amir fragte: "Gesandter Gottes, worin liegt die Rettung?" Er antwortete: "Nimm deine Zunge in deine Gewalt, dein Haus schließe dich ein, und weine über deine Sünde."
In einem zusammenfassenden, gedrängten Heiligen Bericht sagte der Prophet: "Wer Freude daran hat, heil zu sein, halte sich an das Schweigen."
Der Gesandte Gottes hatte Muad das Ritualgebet, das Fasten und anderes empfohlen. Dann, am Schluß seiner Anweisung, sprach er: "Wohlan, ich zeige dir, was für dich noch grundlegender ist als das alles: Das da!" Und er deutete mit der Hand auf seine Zunge.
"Ich fragte: Gesandter Gottes, werden wir denn für das, was unsere Zungen sagen, zur Verantwortung gezogen?" Er antwortete: "Deine Mutter soll dich betrauern, Muad! Was stürzt denn die Menschen auf ihre Nase ins Höllenfeuer, wenn nicht das, was ihre Zunge geerntet hat?"
Al-Hasan (al-Basri) sagte: "Der Gesandte Gottes sagte: Vier Dinge werden nur durch ein Wunder erreicht: das Schweigen – mit ihm fängt der Dienst Gottes an -, die Demut, das Gottgedenken und eine unaufwendige Lebensweise."
(Das Schweigen nannte er an erster Stelle und bezeichnete es als den Anfang des Dienstes Gottes.) Hammad b. Zayd sagte: "Ich fragte Ayyub (as-Sahtiyani): Ist das Wissen heute mehr, oder war es früher mehr? Er antwortete: Mein lieber Sohn! Das Reden ist heute mehr, das Wissen war früher mehr."
Man sagt: "Sie hatten vom Schweigen des Gelehrten ebensoviel Nutzen wie von seinem Reden." Und man sagt: "Wem das Schweigen des Sprechers nicht nützt, dem nützt auch sein Reden nicht." Man fragte einen Gelehrten: "Weiß Soundso mehr oder Soundso?" Er antwortete: "Soundso weiß mehr, und Soundso redet mehr."
Er hat also Wissen und Reden auseinandergehalten. Zu einem Gelehrten von Hurasan sagte man, als er im Sterben lag: "Gib uns einen Mann an, in dessen Lehrversammlung wir nach deinem Tod gehen können!" Er erwiderte: "Soundso – er nannte ihnen einen Mann – ist sehr schweigsam und dem Dienst Gottes ergeben und nicht als Mann von großem Wissen bekannt". Man entgegnete ihm: "Soundso besitzt nicht das Wissen, um alle unsere Fragen nach dem Wissen beantworten zu können." Darauf sagte er: "Ich weiß. Aber er besitzt genug Gewissenhaftigkeit, um nicht über etwas zu reden, was er nicht weiß."
Al-Amas sagte: "Es gibt Worte, auf die Stillsein die Antwort ist."
Ein anderer sagte: auf die Schweigen die Antwort ist. Im Heiligen Bericht heißt es: "Das Schweigen ist ein Schmuck für den Wissenden und eine Schande für den Unwissenden."
Einer hat gesagt: "Nichts ist für den Teufel schlimmer als ein besonnener Gelehrter. Wenn er spricht, spricht er mit Wissen, wenn er schweigt, schweigt er mit Besonnenheit. Der Teufel sagt: Schaut ihn euch an! Sein Schweigen ist für mich schlimmer als sein Reden."
Ein Altvorderer hat gesagt: "Lerne das Schweigen, wie du das Reden lernst! Wenn das Reden dich rechtleitet, so behütet dich das Schweigen. Im Schweigen besitzt du zwei Eigenschaften: Du wehrst damit die Unwissenheit derer ab, die unwissender sind als du, und du lernst damit das Wissen derer, die mehr wissen als du." Ein Gelehrter sagte: "Lerne das 'Ich weiß nicht', lerne nicht das 'Ich weiß'! Wenn du sagst: Ich weiß nicht!, lehren sie dich, bis du weißt. Und wenn du sagst: Ich weiß!, fragen sie dich, bis du nicht weißt." Die Gelehrten sagen: "Wenn der Gelehrte das Wort 'Ich weiß nicht' nicht finden kann, ist er tödlich getroffen."
Jesus sagte: "Alles Gute ist in drei Dingen enthalten: dem Schweigen, dem Reden und dem Blick. Wenn jemandes Schweigen nicht Besinnlichkeit ist, ist es Zerfahrenheit. Wenn jemandes Reden nicht Mahnung ist, ist es Geschwätz. Wenn jemandes Blick nicht Warnung ist, ist er Zeitvertreib."

Einer hat gesagt: "Es wird über die Menschen eine Zeit kommen, in der die beste ihrer Taten der Schlaf ist und die beste ihrer Wissenschaften das Schweigen." Er meint: wegen der Verderbtheit der Taten und der Unsicherheit des Wissens. Dazu sagt er noch: "Und der beste ihrer Zustände der Hunger". Weil das Verbotene überall zu haben und das Erlaubte verborgen ist. Ein Weiser hat gesagt: "Das Schweigen ist der Schlaf des Verstandes, das Reden sein Wachzustand. Jedes Wachsein braucht einen Schlaf, und ein Verständiger schweigt nie, ohne daß sein Verstand gesammelt und sein Geist anwesend ist." In der Weisung des Ibn Abbas für Mugahid heißt es: "Rede nicht über etwas, was dich nichts angeht. Das ist heilsamer. Glaube dich nicht sicher vor dem Irrtum. Und rede nicht über etwas, was dich angeht, solange du dafür keinen rechten Platz siehst. Schon so mancher, der geredet hat, was ihn etwas anging, hat es am falschen Platz angebracht und mußte es sich vorwerfen lassen." Ein Gelehter sagte: "Die Gewissenhaftigkeit des Mannes zeigt sich in seinem Reden." Im Heiligen Bericht heißt es: "Wer viel redet, sagt viel Nutzloses, und wer viel Nutzloses sagt, dessen herz stirbt."
Man sagt: Wenn wenig geredet wird, wird viel Richtiges gesagt." Nach mehreren Altvordern bestehen neun Zehntel des Heilseins im Schweigen.
Es heißt: "Für jedes törichte, scherzhafte oder nichtssagende Wort wird der Mensch in fünf Punkten zurechtgewiesen und zum Geständnis aufgefordert. Der erste: Man fragt ihn: Warum hast du das und das gesagt? Betraf es etwas, was dich etwas angeht? Der zweite: Hat es dir genützt, als du es sagtest? Der dritte: Hätte es dir geschadet, wenn du es nicht gesagt hättest? Der vierte: Warum hast du nicht geschwiegen und damit erreicht, daß du von seinen Folgen verschont bleibst? Der fünfte: Warum hast du nicht statt dessen 'Gott sei gepriesen, Lob sei Gott!' gesagt und den Lohn dafür gewonnen?"

Man sagt: "Es gibt kein Wort, für das nicht drei Register aufgerollt würden. Das erste Register ist: Warum?, das zweite: Wie?, das dritte: Wem? Wenn einer bei den drei davonkommt, ist es gut, wenn nicht, wird er lange zur Rechenschaft stehen."
Al-Hasan (al-Basri) sagte: "Die Zunge des Gläubigen befindet sich hinter seinem Herzen. Wenn er sprechen will, denkt er nach. Dient es ihm, so spricht er, schadet es ihm, so hält r sich zurück. Das Herz des Heuchlers aber liegt auf seine Zungenspitze: Wenn immer seinem Herzen ein gedanke kommt, spricht er ihn aus. Er hält nicht inne und läßt nicht ab." Im Heiligen Bericht heißt es: "Es ist die Versuchung des Gelehrten, daß ihm das Reden besser gefällt als das Schweigen. Im Reden liegt Schmückung und Mehrung, im Schweigen Heil und Wissen." In der Predigt des Propheten heißt es: Wohl dem, den die Beschäftigung mit seinem eigenen Fehler nicht an die Fehler der leute denken läßt und der sein überflüssiges Geld weggibt und seine überflüssigen Worte zurückhält."

 

Aus: Die Nahrung der Herzen Abu Talib al-Makkis Qut al-qulub
eingeleitet, übersetzt und kommentiert von Richard Gramlich
Zweiter Band (Teil 32)
Franz Steiner Verlag Stuttgart 1994
 

 



 

 

 

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