Nun
zum Schweigen. Es befruchtet den Verstand, lehrt die Gewissenhaftigkeit
und führt die Gottesfürchtigkeit herbei. Gott schafft durch es dem
Menschen einen Ausweg in gesunder Auslegung und überlegendem Wissen, und
er gibt ihm durch die Erwählung des Schweigens seine Hilfe zu treffendem
Reden und richtigem Handeln. Einer der Altvorderen hat gesagt: "Ich
lernte das Schweigen mit einem Kieselstein, den ich dreißig Jahre im
Mund trug. Jedesmal, wenn ich reden wollte, kam meine Zunge durch ihn
ins Stottern, so daß ich schwieg." Ein anderer sagte: "Ich hatte mir
auferlegt, für jedes Wort, das ich zu etwas sage, was mich nichts
angeht, ein Ritualgebet von zwei Gebetseinheiten zu verrichten. Doch da
das für mich zu leicht wurde, habe ich mir für jedes Wort einen Fasttag
auferlegt. (Auch das wurde mir zu leicht.) Schließlich habe ich mir
auferlegt, für jedes Wort einen Dirham als Almosen zu spenden. Das war
für mich hart. So kam ich ans Ziel." Uqba b. Amir fragte: "Gesandter
Gottes, worin liegt die Rettung?" Er antwortete: "Nimm deine Zunge in
deine Gewalt, dein Haus schließe dich ein, und weine über deine Sünde."
In einem zusammenfassenden, gedrängten Heiligen Bericht sagte der
Prophet: "Wer Freude daran hat, heil zu sein, halte sich an das
Schweigen."
Der Gesandte Gottes hatte Muad das Ritualgebet, das Fasten und anderes
empfohlen. Dann, am Schluß seiner Anweisung, sprach er: "Wohlan, ich
zeige dir, was für dich noch grundlegender ist als das alles: Das da!"
Und er deutete mit der Hand auf seine Zunge.
"Ich fragte: Gesandter Gottes, werden wir denn für das, was unsere
Zungen sagen, zur Verantwortung gezogen?" Er antwortete: "Deine Mutter
soll dich betrauern, Muad! Was stürzt denn die Menschen auf ihre Nase
ins Höllenfeuer, wenn nicht das, was ihre Zunge geerntet hat?"
Al-Hasan (al-Basri) sagte: "Der Gesandte Gottes sagte: Vier Dinge werden
nur durch ein Wunder erreicht: das Schweigen – mit ihm fängt der Dienst
Gottes an -, die Demut, das Gottgedenken und eine unaufwendige
Lebensweise."
(Das Schweigen nannte er an erster Stelle und bezeichnete es als den
Anfang des Dienstes Gottes.) Hammad b. Zayd sagte: "Ich fragte Ayyub (as-Sahtiyani):
Ist das Wissen heute mehr, oder war es früher mehr? Er antwortete: Mein
lieber Sohn! Das Reden ist heute mehr, das Wissen war früher mehr."
Man sagt: "Sie hatten vom Schweigen des Gelehrten ebensoviel Nutzen wie
von seinem Reden." Und man sagt: "Wem das Schweigen des Sprechers nicht
nützt, dem nützt auch sein Reden nicht." Man fragte einen Gelehrten:
"Weiß Soundso mehr oder Soundso?" Er antwortete: "Soundso weiß mehr, und
Soundso redet mehr."
Er hat also Wissen und Reden auseinandergehalten. Zu einem Gelehrten von
Hurasan sagte man, als er im Sterben lag: "Gib uns einen Mann an, in
dessen Lehrversammlung wir nach deinem Tod gehen können!" Er erwiderte:
"Soundso – er nannte ihnen einen Mann – ist sehr schweigsam und dem
Dienst Gottes ergeben und nicht als Mann von großem Wissen bekannt". Man
entgegnete ihm: "Soundso besitzt nicht das Wissen, um alle unsere Fragen
nach dem Wissen beantworten zu können." Darauf sagte er: "Ich weiß. Aber
er besitzt genug Gewissenhaftigkeit, um nicht über etwas zu reden, was
er nicht weiß."
Al-Amas sagte: "Es gibt Worte, auf die Stillsein die Antwort ist."
Ein anderer sagte: auf die Schweigen die Antwort ist. Im Heiligen
Bericht heißt es: "Das Schweigen ist ein Schmuck für den Wissenden und
eine Schande für den Unwissenden."
Einer hat gesagt: "Nichts ist für den Teufel schlimmer als ein
besonnener Gelehrter. Wenn er spricht, spricht er mit Wissen, wenn er
schweigt, schweigt er mit Besonnenheit. Der Teufel sagt: Schaut ihn euch
an! Sein Schweigen ist für mich schlimmer als sein Reden."
Ein Altvorderer hat gesagt: "Lerne das Schweigen, wie du das Reden
lernst! Wenn das Reden dich rechtleitet, so behütet dich das Schweigen.
Im Schweigen besitzt du zwei Eigenschaften: Du wehrst damit die
Unwissenheit derer ab, die unwissender sind als du, und du lernst damit
das Wissen derer, die mehr wissen als du." Ein Gelehrter sagte: "Lerne
das 'Ich weiß nicht', lerne nicht das 'Ich weiß'! Wenn du sagst: Ich
weiß nicht!, lehren sie dich, bis du weißt. Und wenn du sagst: Ich
weiß!, fragen sie dich, bis du nicht weißt." Die Gelehrten sagen: "Wenn
der Gelehrte das Wort 'Ich weiß nicht' nicht finden kann, ist er tödlich
getroffen."
Jesus sagte: "Alles Gute ist in drei Dingen enthalten: dem Schweigen,
dem Reden und dem Blick. Wenn jemandes Schweigen nicht Besinnlichkeit
ist, ist es Zerfahrenheit. Wenn jemandes Reden nicht Mahnung ist, ist es
Geschwätz. Wenn jemandes Blick nicht Warnung ist, ist er Zeitvertreib."
Einer hat gesagt: "Es wird über die Menschen eine Zeit kommen, in der
die beste ihrer Taten der Schlaf ist und die beste ihrer Wissenschaften
das Schweigen." Er meint: wegen der Verderbtheit der Taten und der
Unsicherheit des Wissens. Dazu sagt er noch: "Und der beste ihrer
Zustände der Hunger". Weil das Verbotene überall zu haben und das
Erlaubte verborgen ist. Ein Weiser hat gesagt: "Das Schweigen ist der
Schlaf des Verstandes, das Reden sein Wachzustand. Jedes Wachsein
braucht einen Schlaf, und ein Verständiger schweigt nie, ohne daß sein
Verstand gesammelt und sein Geist anwesend ist." In der Weisung des Ibn
Abbas für Mugahid heißt es: "Rede nicht über etwas, was dich nichts
angeht. Das ist heilsamer. Glaube dich nicht sicher vor dem Irrtum. Und
rede nicht über etwas, was dich angeht, solange du dafür keinen rechten
Platz siehst. Schon so mancher, der geredet hat, was ihn etwas anging,
hat es am falschen Platz angebracht und mußte es sich vorwerfen lassen."
Ein Gelehter sagte: "Die Gewissenhaftigkeit des Mannes zeigt sich in
seinem Reden." Im Heiligen Bericht heißt es: "Wer viel redet, sagt viel
Nutzloses, und wer viel Nutzloses sagt, dessen herz stirbt."
Man sagt: Wenn wenig geredet wird, wird viel Richtiges gesagt." Nach
mehreren Altvordern bestehen neun Zehntel des Heilseins im Schweigen.
Es heißt: "Für jedes törichte, scherzhafte oder nichtssagende Wort wird
der Mensch in fünf Punkten zurechtgewiesen und zum Geständnis
aufgefordert. Der erste: Man fragt ihn: Warum hast du das und das
gesagt? Betraf es etwas, was dich etwas angeht? Der zweite: Hat es dir
genützt, als du es sagtest? Der dritte: Hätte es dir geschadet, wenn du
es nicht gesagt hättest? Der vierte: Warum hast du nicht geschwiegen und
damit erreicht, daß du von seinen Folgen verschont bleibst? Der fünfte:
Warum hast du nicht statt dessen 'Gott sei gepriesen, Lob sei Gott!'
gesagt und den Lohn dafür gewonnen?"
Man sagt: "Es gibt kein Wort, für das nicht drei Register aufgerollt
würden. Das erste Register ist: Warum?, das zweite: Wie?, das dritte:
Wem? Wenn einer bei den drei davonkommt, ist es gut, wenn nicht, wird er
lange zur Rechenschaft stehen."
Al-Hasan (al-Basri) sagte: "Die Zunge des Gläubigen befindet sich hinter
seinem Herzen. Wenn er sprechen will, denkt er nach. Dient es ihm, so
spricht er, schadet es ihm, so hält r sich zurück. Das Herz des
Heuchlers aber liegt auf seine Zungenspitze: Wenn immer seinem Herzen
ein gedanke kommt, spricht er ihn aus. Er hält nicht inne und läßt nicht
ab." Im Heiligen Bericht heißt es: "Es ist die Versuchung des Gelehrten,
daß ihm das Reden besser gefällt als das Schweigen. Im Reden liegt
Schmückung und Mehrung, im Schweigen Heil und Wissen." In der Predigt
des Propheten heißt es: Wohl dem, den die Beschäftigung mit seinem
eigenen Fehler nicht an die Fehler der leute denken läßt und der sein
überflüssiges Geld weggibt und seine überflüssigen Worte zurückhält."