Süße Minne reine Minne
Mittelalterlicher Minnesang
 


Meister Johannes Hadlaub (um 1300)



Nû ist sumer so wol gegest, daz er êre hât:

in schœner wât mag man in nû wol sehen.

Rôt, brûn, gel, blâ, wîz, grüene ist sîn kleit var.
swer sîn nimt war, der mag im wunne jehen.

In lobent mit süezzem sange diu vogillîn,
diu sehent so liechten schîn;
mit dien sol man frœlich sîn.
swie schœn diu zît sint, trüebe ist mir doch mîn muot,

wan mich getrôste noch nie mîn frowe guot.

Ez ist lang, daz ich mîn frowen von êrst gisach.
mîn ungemach huob sich do süezzeklîche,

Wan ich wart von ir wunnen süezzes liebes vol.
mir tet da wol, daz sî was wunnenrîche.

Nû muoz mir daz leider wê tuon elliu zît,
wan si mir nicht trôstes gît,
des mîn herze in arbeit lît.
wan wære si âne wunne, so wære mir nit wê
nach ir, als ez sus sîn muoz iemer mê.

Noch ist mir wol der stunde, swa ich si siche an;
swies mir ist gran, doch habe ich sî ze frowen.

Doch wirt daz lieb vergulten mir mit leide iesâ:
so sî nicht dâ mêr ist, da ichs muge schowen,

Sô ist mir also sô der sunne hinder gegât
und der tag sîn wunne verlât.
fröiden vil si doch ie hât
bî anderns schœnen frowen, noch achtet nicht,
swie wê mir von senlicher nôt geschicht.

 


Der Sommer ist jetzt so prächtig geschmückt,
daß es ihm Ehre einträgt:
In schöner Kleidung kann man ihn zur Zeit bewundern.

Rot, purpurn, gelb, blau, weiß, grün ist sein Kleid gefärbt.
Wer ihr anschaut, muß ihn als Freudenquell bezeichnen.

Ihn loben mit süßem Gesang die Vöglein,
die den so leuchtenden Anblick wahrnehmen;
mit denen soll man fröhlich sein!
Doch wie schön die Zeit sein mag,
mein Gemüt ist dennoch trübe,
weil mich meine gute Herrin noch nie getröstet hat.

Es ist lange her, seit ich meine Herrin erstmals sah:
Damals nahm mein Unglück auf süße Weise seinen Anfang,

denn ich wurde von ihrem Zauber voll von süßer Liebe.
Damals tat es mir noch wohl, daß sie so liebreizend war.

Jetzt aber wird mir das leider ewig Schmerzen zufügen;
denn sie gewährt mir keinerlei Trost,
weswegen mein Herz Mühsal erduldet.
Denn: Wäre sie ohne Liebreiz, dann wäre mir nicht weh
nach ihr, wie es so jedoch immer wird sein müssen.

Noch immer aber genieße ich den Anblick, wenn ich sie ansehe:
Wiewohl sie mir gram ist, habe ich sie eben doch zur Herrin!

Doch wird mir alsbald Lieb mit Leid vergolten:
Wenn sie nicht mehr da ist, wo ich sie anschauen kann,

dann ist mir, als ob die Sonne untergeht
und der Tag seinen Glanz verliert.
Sie genießt dann mancherlei Freuden
bei andern schönen Frauen, achtet aber nicht darauf,
was für ein Leid mir aus Liebesnot geschieht.

 


 

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