Süße Minne reine Minne
Mittelalterlicher Minnesang
 


Meister Johannes Hadlaub (um 1300)



Swer nimt schœner frowen durch ihr wunne war,
der gêt dar gerne, swâ er si sehen mag,

Wan daz süezze schowen in sîn herze gât.
suozze inpfât ez doch senlichen slag,

Swenne er ir wunnen inret sich,
die so lôslich sint und sô wîblîch gimeit:
diu süezzekeit ouch dike wundet mich.

Er wirt wilder sinne, der wol kan entstân,
wie wunnesan doch schœe frowen sint,

Und wirt vol der minne, wan manig frowe guot
zartlîch tuot, alsam ein zartez kint.

Wan sî sint sô zartlîch gestalt,
so minneklîche: mir bihagt ir wunne baz,
danne allez, daz zer welte ist gezalt.

Swa mannes herze minnen gert al selker stat,
dâr er hât heinlîche wol manig stunt,

Der mag lieb gewinnen. Heinlîche tuot vil,
ob er wil ald im ûf minne ist kunt.

Swanne er ist sîner frowen bî,
sô klegt er ir sîn nôt senlîch als er sol:
der mag wol sender nôt werden frî.

Den sîn herze twingit, daz er minne ein wîb,
der sîn lîb muoz stæte frömde sîn,

In nôt ez in bringit -, anders wirt im nicht.
sam geschicht mir gegen der frowen mîn.

Wenne solte erbarmen sî mîn nôt,
und ich ir nicht klagen mag sende ungimach?
ach und ach! des sint mîn fröide tôt.

Ich enmag getriuwen leider des nicht ir,
daz si mir noch günne heiles vunt.

Doch wil mich nit riuwen, daz ich diente ir ie,
swie mir nie kein trôst wart von ir kunt.

Wan sî ist ein frowe valsches frî,
wol gistalt, vil schœne und dâ bî minnenklich:
ach, solde ich () ir tougen wesen bî!

 


Wer auf den Liebreiz schöner Frauen achtet,
der geht gern dahin, wo er sie sehen kann,

denn der süße Anblick geht ihm ans Herz.
Süß erleidet es jedoch Schmerzen der Sehnsucht,

wenn er sich ihres Liebreizes erinnert,
der so anmutig ist und so weiblich unbefangen:
Auch mich verwundet diese süße Empfindung oft.

Dem entgleiten die Sinne, der zu würdigen versteht,
wie freudebringend doch schöne Frauen sind;

und er wird voll Liebesempfinden, weil so manche edle Dame
sich lieblich gebärdet wie ein zartes Kind.

Denn sie sind so grazil gestaltet,
so liebreizend: Mir behagt Frauenwonne mehr
als alles, was man zu den Freuden dieser Welt zählt.

Wenn ein Mannesherz die Liebe an solcher Statt begehrt,
wo er viel Gelegenheit zu heimlichem Beisamensein hat,

dann wird er Liebe bekommen. Die Zweisamkeit erreicht viel,
wenn er es will oder sich auf die Liebe versteht.

Wenn er bei seiner Geliebten ist,
dann klagt er ihr seine Not, schmachtend, wie es sich ziemt:
Der dürfte wohl von seiner Sehnsuchtsqual befreit werden.

Wenn einen sein Herz zwingt, eine Frau zu lieben,
der er doch immer fern bleiben muß,

bringt ihm das Kummer -, etwas anderes erhält er nicht.
Ebenso geschieht es mir mit meiner Herrin.

Wann auch sollte meine Not sie je erbarmen,
solange ich ihr meinen Liebeskummer nicht klagen kann?
Ach und ach! Deshalb liegt meine Freude tot.

Ich kann bei ihr leider nicht darauf vertrauen,
daß sie mir noch ein Heilserlebnis gönnt.

Doch wird es mich nicht reuen, daß ich ihr je diente,
auch wenn mir nie ein Trost von ihr widerfuhr.

Denn sie ist eine Frau ganz frei von Falsch,
wohlgeschaffen, herrlich schön und liebenswert:
Ach, könnte ich doch heimlich bei ihr sein!

 


 

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