Süße Minne reine Minne
Mittelalterlicher Minnesang
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Meister Johannes Hadlaub (um 1300)
Minne ist so wunderlich, sî kêrt sich an tumbe, an wîse, alte, junge twinget sî. Sôn ist ir ze rîch nieman, noch zarn, wan si slîhet lîse: swem si wil, dem ist si bî. Sî lie mich ir helfe nie beruochen und twinget mich sêre gegen ir, unde sî nicht gegen mir. Minne, dir mag ich wol fluochen tiefe ûz mînes herzen gir. Minne, süene dich mit mir, kêr zuo zir ald ich wil strâfen dich, die wîle ich leben mag; Unde liebe noch ir mich, ald ûf dich so schrîje ich wâfen, mange nacht und mangen tag! Ôwê, Minne, kum ir noch ze herzen, mir ze heile, son fluoche ich dir nicht mê! in weiz anders, wiez ergê; mir ist wê von sendem smerzen. Minne, noch mîn nôt verstê! Jâne wîzze ich ez nicht ir, daz si mir ist sô herte. ich wîzze ez der Minne gar, Wan si lât ir lîb so frî, und doch sî wol sî gelêrte, daz si mîn noch næme war! Ôwê, sît si nicht enhât der minne, wâvon solte sî dan ruochen mîn? Minne, wirde mir noch fîn, kêre hin und twinge ir sinne, sô wil ich dîn friunt noch sîn! |
Minne ist so wunderlich, sie wendet sich an Dumme wie an Weise, Alte, Junge fesselt sie. Auch ist niemand ihr zu reich, noch zu arm; denn sie schleicht umher, ganz leise, und wem sie grade will, gesellt sie sich bei. Sie ließ mir ihre Hilfe noch nie zuteil werden und zwingt mich doch gewaltsam hin zu ihr - sie dagegen nicht zu mir! Minne, dir mag ich wohl fluchen tief aus meines Herzens Wunsch. Minne, versöhne dich mit mir: Wende dich auch an sie, sonst will ich dich schelten, immer, solange ich leben mag. Und mach, daß sie mich noch liebgewinnt, oder ich werde ‹Wehe über dich!› schreien, viele Nächte, viele Tage lang! Wehe, Minne, laß dich noch in ihr Herz ein, mir zum Heil, dann fluche ich dir nicht mehr! Ich weiß sonst nicht, was werden soll, so sehr quält mich der Liebesschmerz: Minne, beende einmal meine Not! Ihr mache ich es ja nicht zum Vorwurf, daß sie zu mir so grausam hart ist: Ich werfe es allein der Minne vor. Denn sie lässt sie so unbeheligt und brächte sie doch leicht dazu, daß sie sich noch meiner annähme! Wehe, da sie nun einmal keine Minne hat, wie sollte sie sich denn auch um mich kümmern! Minne, erweise dich mir noch geneigt: Gehe hin und feßle ihre Sinne, dann will ich dein Freund bleiben! |