Süße Minne reine Minne
Mittelalterlicher Minnesang
 


Meister Johannes Hadlaub (um 1300)



Ach, ich sach si triuten wol ein kindelîn,
davon wart mîn muot liebes irmant.

Si umbevieng ez unde truchte ez nâhe an sich,
davon dâchte ich lieblîch zehant.

Si nam sîn antlüte in ir hende wîz
und truchte ez an ir munt, ir wengel clâr.
owê, so gar wol kuste sîz!

Ez tet ouch zwâr, als ich hæte getân:
ich sach umbvân ez ouch so dô.

Ez tet recht, als ez entstüende ir wunnen sich,
des dûchte mich, ez was so frô.

Don mochte ich ez nicht âne nît verlân.
ich gidâchte: ‹owê, wære ich daz kindelîn,
unz daz si sîn wil minne hân!›

Ich nam war, dô daz kindelîn êrst kam von ir,
ich nam zuo mir lieblîch ouch dô.

Ez dûchte mich so guot, wan sîz ê druchte an sich:
davon wart ich sîn sô gar frô.

Ich umbevieng ez, wan siz ê schône umbevie,
und kustz an die stat, swâ ez von ir küsset ê was.

we mir doch daz ze herzen gie!

Man gicht, mir sî nicht als ernstlîch wê nach ir,
als sîs von mir vernomen hânt:

Ich sî gesunt - ich wær vil siech und siechlîch var,
tæt mir so gar wê minne bant.

Daz manz nicht an mir sicht, doch lîde ich nôt,
daz füegt guot geding, der hilfet mir alda her;
und liezze mich der, so wære ich tôt.

 


Ach, ich sah, wie sie ein Kind liebkoste!
Dadurch wurde mein Gemüt an die Liebe gemahnt:

Sie umarmte es und drückte es fest an sich,
und sogleich träumte ich von Liebesdingen.

Sie nahm sein Antlitz in ihre weißen Hände
und drückte es an ihren Mund, ihre reinen Wangen:
Oh weh, so überaus zärtlich küßte sie's!

Es verhielt sich ganz, wie ich mich verhalten hätte:
Ich sah, wie es sogleich auch sie umarmte.

Es tat gerade so, als ob es ihrer Reize sich bewußt wäre,
das dünkte mich: es war so überglücklich!

Das konnte ich nicht ohne Neid geschehen lassen.
ich dachte mir: ‹Oh weh, wär ich doch jenes Kind,
solange sie es so liebevoll umsorgt!›

Ich achtete darauf, wann das Kind wohl von ihr käme,
und nahm es zu mir, gleichfalls liebevoll.

So viel bedeutete es mir, weil sie es zuvor geherzt hatte:
darum machte es mich so glücklich.

Ich umfieng es, weil sie es zuvor zärtlich umfangen hatte:
und küßte es auf die Stelle, wo es zuvor von ihr geküßt worden war.
Wie mir doch das zu Herzen ging!

Man behauptet, mir sei nicht so ernsthaft weh nach ihr,
wie sie es von mir vernommen hätten:

Ich sei gesund - ich müßte doch krank sein, krank aussehen,
wenn mich so sehr die Minnebande schmerzten!

Daß man es mir nicht ansieht, wo ich doch Not leide,
das fügt die gute Zuversicht, die hilft mir seit jeher;
und verließe mich diese, so wäre ich tot!

 


 

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