Süße Minne reine Minne
Mittelalterlicher Minnesang
 


Herr Heinrich von Morungen (1160-1220)
 



Vil süeziu senftiu tôterinne,
war umbe welt ir tôten mir den lîp,
und i'uch sô herzeclîchen minne,
zewâre, frouwe, gar für elliu wîp?
wênet ir ... ob ir mich tôtet,
daz ich iuch danne niemer mê beschouwe?
nein, iuwer minne hât mich des ernôtet
daz iuwer sêle ist mîner sêle frouwe.
sol mir hie niht guot geschên
von iuwerm werden lîbe,
sô muoz mîn sêle iu des verjên
dazs iuwerr sêle dienet dort als einem
reinen wîbe.

 


O süße, sanfte Töterin,
warum wollt Ihr mein Leben töten,
wo ich Euch so von Herzen liebe,
in Wahrheit, Herrin, über alle Frauen?
Wähnt Ihr ... wenn Ihr mich tötet,
daß ich Euch dann nie mehr schauen werde?
Nein, die Liebe zu Euch hat mich gezwungen,
daß Eure Seele meiner Seele Herrin ist.
Soll mir hier kein Glück geschehn
von Euerm edlen Leib,
so sichert Euch doch meine Seele zu,
daß sie dort Eurer Seele dienen wird wie einer
reinen Frau.
 


 

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