Das Hohe Lied Salomos
In der Übertragung von Josef Dirnbeck (1984)

 



Das Hohelied Salomos

LIED DES KUSSES
(1,2-4)

Sie

Komm küß mich und leg deinen Mund
auf den meinen!
Mehr als den Wein lieb ich es,
wenn du mich liebst!
Gut tut dein Duft, der in der Luft liegt!
Dein Name ist ein betörendes Öl!
Deswegen sind alle die Mädchen
ganz außer sich!

Komm zieh mich, mach rasch,
komm zieh mich mit dir, ich folge dir nach!
Heut bist du der König, der mich ins Gemach führt!
Aufjauchzen laß uns, weil wir uns freuen,
daß du so gut bist und daß deine Liebe
mehr ist als Wein!
Sag mir doch, wen, wenn nicht dich,
sollte ich lieben!

 

LIED DER SONNENGLUT
(1,5-6)

Sie

Dunkelgetönt, schön dunkelgetönt
ist meine Haut! Töchter Jerusalems,
seht, wie ich ausseh'! Seh' ich nicht aus
wie die Zelte von Kedar, seh' ich nicht aus
wie Salomos Decken?
Wundert euch nicht, daß ich so schwarz bin!
Die Sonne war es, die mich verbrannt hat!
Meine eigenen Brüder sind daran schuld,
denn die Bösen ließen mich Weinberge hüten!
Ja, Weinberge hüten: die reizenden Weinberge
hab' ich gepflegt, meine weiblichen Reize
konnt' ich nicht pflegen!

 

LIED DER MITTAGSRAST
(1,7-8)

Sie

Sag mir doch, du, zu dem mich
mein Herz zieht, wo du mit deiner
Herde umherziehst!
Verrat mir den Platz, wo du Mittagsrast machst,
damit ich die Weide der andern vermeide!
Oder ist es dir lieber, wenn ich fragend nach dir
rastlos von Rastplatz zu Rastplatz irr'?

Er

Frag doch nicht lang, du Frau aller Frauen,
folg nur den Spuren der Schafe,
dann spürst du mich auf!
Hier, nimm deine Ziegen und zieh zu den Hirten!

 

LIED DES SCHMUCKS
(1,9-11)

Er

Der prächtigen Stute am prunkvollen Wagen,
in dem der Pharao fährt, vergleiche ich dich,
meine Freundin!
Die Kettchen rechts und die Kettchen links
hängen so hübsch am Pharaowagen der Wangen!
Dein Hals erstrahlt in Korallengirlanden,
und von mir bekommst du dazu noch ein Halsband
in Gold und Silber!

 

LIED DES DUFTS
(1,12)

Sie

Die Nardossalbe verströmt ihren Duft,
wenn mir zur Seite der König beim Mahl
sich über mich beugt!

 

LIED DES RUHENS
(1,13-14)

Sie

Sonst trag' ich Myrrhe zwischen den Brüsten,
heut ruht mein Freund an meinem Busen!
Eine Hennatraube, wie sie bei En-Gedi
zu pflücken ist, ist mein Geliebter!

 

LIED DES LIEBREIZES
(1,15-16a)

Er

Du bist schön, meine Freundin,
ja du bist schön, deine Augen sind Tauben!

Sie

Du bist schön, mein Freund,
ja du bist außerordentlich schön!

 

LIED DES WALDES
(1,16b-17)

Er

Das Grüne ist unser Bett,
die Zedern sind unser Dach,
und die Zypressen sind unsere Wände!

 

LIED DER BLUME
(2,1-3)

Sie

Ich bin die Blume, die im Scharon gedeiht,
ich bin die Lilie, die in Tälern wächst!

Er

Eine Lilie inmitten von Disteln,
das ist meine Freundin inmitten der Mädchen!

Sie

Ein Apfelbaum mitten im Wald,
das ist mein Freund mitten unter den Männern!
Von seinem Schatten lass' ich mich laben,
von seinen Früchten esse ich gerne!

 

LIED DER SCHENKE
(2,4-5)

Sie

Im Weinkeller bin ich mit ihm,
in der Liebesschenke, wo er statt Wein
seine Liebe mir ausschenkt!
Kommt, helft mir und bringt mir,
um mich zu stärken, Rosinen und Äpfel,
denn ich bin ganz krank, ganz an Liebe erkrankt!

 

LIED DER UMARMUNG
(2,6)

Sie

Mit der linken Hand hält er meinen Kopf,
und mit der rechten umfaßt er mich fest!

 

LIED DER BEHUTSAMKEIT
(2,7)

Er

Töchter Jerusalems, bei Hirsch und Gazelle
laßt euch beschwören: Seid nicht zu rasch
und weckt mir die Liebe nicht auf,
ehe sie nicht von selber erwacht!

 

LIED DER BEHENDIGKEIT
(2,8-9)

Sie

Horcht, hört ihr ihn? Es ist mein Geliebter!
Seht, wie er kommt, wie er springt
von Berg zu Berg und wie er hüpft
von Hügel zu Hügel
Gazellenschnell ist mein Geliebter,
flink wie ein Junghirsch kommt er zu mir!
Da steht er ja schon draußen vorm Haus
und späht nach mir aus, das Auge am Gitter!

 

LIED DER TURTELTAUBE
(2,10-14)

Sie

So spricht mein Freund:

Er

Steh auf, meine Freundin, komm mit, meine Schöne!
Der Winter ist um, es regnet nicht mehr!
Schon sprießen die Blumen, schon klingen die Lieder,
die Turteltaube ruft wieder im Land!
Die ersten Feigen beginnen zu reifen,
die blühende Rebe verströmt ihren Duft!
Steh auf, meine Freundin, komm mit, meine Schöne!
Komm, Taube, verlaß dein luftiges Nest,
bleib nicht im felsig hohen Versteck!
Zeig dein Gesicht, zeig deine Stimme!
Süß ist dein Ton, lieb dein Gesicht!

 

LIED DES FÜCHSEFANGENS
(2,15)

Sie

Die kleinen Füchse verwüsten den Weinberg,
helft uns beim Fangen! Die den Weinberg zerstören,
stöbert uns auf!

 

LIED DES ABENDS
(2,16-17)

Sie

Mein Freund ist der Meine, und ich bin die Seine!
Bis die Schatten wachsen und der Tag niedersinkt,
weidet er dort, wo die Lilien stehn!
Komm nun, mein Freund, gazellenschnell komm,
flink wie ein Junghirsch auf duftenden Bergen!

 

LIED DES SUCHENS
(3,1-4)

Sie

Ich lag des Nachts in meinem Bett
und begann den, zu dem mich
mein Herz zieht, zu suchen!
Ich suchte ihn, und er war nicht da!
Da verließ ich mein Bett und durchsuchte die Stadt,
um auf allen Plätzen nach ihm, zu dem mich
mein Herz zieht, zu sehen!
Ich suchte ihn, und er war nicht da!
Die Wächter der Stadt trafen mich an
beim nächtlichen Rundgang: Habt ihr ihn,
zu dem mich mein Herz zieht, gesehen?
Kaum war ich vorbei an den Wächtern der Stadt,
da habe ich den, zu dem mich
mein Herz zieht, gefunden!
Ich packte ihn fest, ich ließ ihn nicht aus
und zog ihn mit mir ins Haus meiner Mutter!
Ins Haus meiner Mutter habe ich den, zu dem mich
mein Herz zieht, gezogen!

 

LIED DER BEHUTSAMKEIT
(3,5)

Er

Töchter Jerusalems, bei Hirsch und Gazelle
laßt euch beschwören: Seid nicht zu rasch
und weckt mir die Liebe nicht auf,
ehe sie nicht von selber erwacht!

 

LIED DES HOCHZEITSZUGES
(3,6-11)

Er

Was steigt da herauf, was kommt aus der Steppe?
Was für Säulen in Rauch, was für Düfte von Myrrhe,
Harz und Gewürzen?

Sie

Das ist ja Salomos Sänfte, umgeben von Israels Kriegern,
sechzig Helden des Schwerts, ein jeder bewaffnet,
ein jeder gewappnet, um den nächtlichen Zug
sicher zu führen!

Er

Ja, das ist Salomos Sänfte, gezimmert aus Libanonholz
mit silbernen Säulen und goldenen Lehnen,
mit Edelsteinen und purpurnen Polstern!

Sie

Töchter Jerusalems, schaut! Seht, Töchter Zions,
den Hochzeitszug! Seht, Salomo trägt
heute als König die Krone der Hochzeit,
die ihm seine eigene Mutter zur festlichen Feier bereitet!

 

LIED DER SCHÖNHEIT
(4,1-7)

Er

Du bist schön, meine Freundin.
Ja du bist schön, deine Augen
hinter dem Schleier sind Tauben!
Deine Haare sind Ziegen,
die an den Hängen des Gilead ziehen!
Deine Zähne sind Schafe, die frisch geschoren
und frisch gewaschen der Schwemme entsteigen.
Keinem der Zähne fehlt sein Gegenüber,
keiner von ihnen hat einen Makel!
Deine Lippen sind purpurne Bänder
an deinem herrlichen Mund!
Eine Granatapfelschnitte ist deine Schläfe
hinter dem Schleier! Dein Hals ist ganz so
wie Davids Turm: Reihen und Reihen
verschiedener Steine, mit tausend Schilden
behängt und gerüstet!
Gazellenzwillinge sind deine Brüste,
zwei kleine Kitzlein, die an den Lilien schnuppern!

Sie

Wenn die Schatten wachsen und der Tag niedersinkt,
komm' ich zu dir auf die duftenden Berge!

Er

Du bist vollkommen schön, meine Freundin,
uneingeschränkt schön!

 

LIED DER EINLADUNG
(4,8)

Er

Komm mit mir, meine Braut,
vom Libanon komm, komm vom Haupt des Amana,
des Senir und Hermon, wo Löwen und Panther hausen,
zu mir, komm zu mir!

 

LIED DER BERÜCKUNG
(4,9)

Er

Berückt hast du mich, ja berückt, Schwester Braut,
mit dem Blick deiner Blicke, mit der Perle deiner Perlen!

 

LIED DER SÜSSE
(4,10-11)

Er

Gut tut deine Liebe, ja, Schwester Braut,
mehr als den Wein lieb' ich es,
wenn du mich liebst!
Gut tut dein Duft, besser einzuatmen
als Balsamduft!
Süßigkeit tropft, meine Braut,
dir von den Lippen!
Dein Mund fließt von Milch und Honig!
Durch deine Kleider weht Libanonduft!

 

LIED DES VERSCHLOSSENEN GARTENS
(4,12)

Er

Ein verschlossener Garten bist du, meine Braut,
ein verschlossener Brunnen
in einem verschlossenen Garten!

 

LIED DES GEÖFFNETEN GARTENS
(4,13-15)

Er

Du bist ein Garten mit köstlichen Pflanzen:
Granatäpfel, Henna und Narde,
Krokus, Gewürzrohr und Zimt,
Aloe, Weihrauch und Myrrhe
und jeder erdenkliche Balsam!
Du bist die Quelle des Gartens,
der Brunnen lebendigen Wassers,
mit Wasser vom Libanon!

 

LIED DES GARTENFESTES
(4,16; 5,1)

Sie

Blase, du Nordwind, blase, du Südwind,
bringt meinem Garten den Balsamduft!
Komm nun, mein Freund, dein Garten ruft dich,
komm nun und iß von den köstlichen Früchten!

Er

Ich komme, ich komme, du meine Freundin,
in meinen Garten! Ich pflücke die Myrrhe,
ich pflücke den Balsam,
ich esse den Honig samt Wabe,
ich trinke den Wein samt der Milch!

Eßt, Freunde! Trinkt! Feiert mit uns
das Fest der berauschenden Liebe!

 

LIED DER SEHNSUCHT
(5,2-7)

Sie

Ich schlief des Nachts in meinem Bett
und hörte den Freund an der Tür:

Er

Mach auf, meine Freundin!
Meine Schwester, mach auf!
Du Taube, du Schönste, mach auf!
Denn mein Haar ist voll Tau,
meine Locken voll Tropfen der Nacht!

Sie

Ich lag schon im Bett:
Soll ich mich wieder bekleiden?
Ich hatte die Füße bereits gewaschen:
Soll ich sie wieder beschmutzen?
Da streckte mein Freund
die Hand durch die Luke,
da zog es mich zu ihm hin!
Ich stieg vom Bett,
um dem Freund aufzumachen,
meine Hände griffen in Myrrhe,
die von dem Türriegel floß.
Ich schob den Riegel zur Seite,
um meinem Geliebten zu öffnen,
da war er verschwunden, da war er nicht da!
Mir stockte der Atem: er war nicht da!
Ich suchte ihn, und er war nicht da!
Ich rief nach ihm, und es kam keine Antwort!
Die Wächter der Stadt trafen mich an
beim nächtlichen Rundgang.
Sie prügelten mich,
sie schlugen mich wund,
mein Gewand entrissen sie mir,
die Wächter der Stadt!

 

LIED DER BESCHWÖRUNG
(5,8-16)

Sie

Töchter Jerusalems, laßt euch beschwören:
Trefft ihr ihn an, zu dem mich mein Herz zieht,
so richtet ihm aus, daß ich krank bin vor Liebe!

Die Töchter Jerusalems

Was ist der Vorzug deines Geliebten,
was zeichnet ihn aus vor anderen Männern?
Sag uns, du Schönste, was dein Geliebter
für Vorzüge hat, daß du uns so sehr
bestürmst und beschwörst!

Sie

Der, den ich liebe, ist blutvoll und blendend,
er sticht hervor unter tausenden Männern!
Gold ist sein Kopf!
Schwankende Dattelpalmen
sind seine Haare, schwarz wie der Rabe!
Tauben an Wasserbächen sind seine Augen!
Milchumspült sitzen seine Zähne im Vollen!
Balsambeete sind seine Wangen,
sein Bart ist ein Garten, in dem Gewürz wächst.
Lilien sind seine Lippen, von denen die Myrrhe fließt!
Gedrechseltes Gold sind seine Arme,
mit Edelsteinen besetzt!
Elfenbein ist sein Leib, über und über mit Saphir bedeckt!
Marmor auf goldenen Sockeln sind seine Schenkel!
Wie die Zeder des Libanon ist sein Wuchs!
Süß ist sein Mund, alles, alles ist herrlich an ihm!
Töchter Jerusalems, so ist mein Freund,
so sieht der aus, den ich liebe!

 

LIED DES BESUCHES
(6,1-2)

Die Töchter Jerusalems

Wohin, du Schönste, ging dein Geliebter?
Wo ist er? Wir wollen ihn suchen mit dir.

Sie

Mein Freund besucht seinen Garten!
Zu den Balsambeeten ging mein Geliebter,
Lilien pflückt er am Grund!

 

LIED DER ZUEIGNUNG
(6,3)

Sie

Mein Freund ist der Meine,
und ich bin die Seine!
Er weidet dort, wo die Lilien stehn!

 

LIED DER PRACHT
(6,4-7)

Er

Du bist schön, meine Freundin,
schön und prächtig wie die Stadt Tirza,
prächtig und schön wie Jerusalem!
Blicke mich bitte nicht unentwegt an!
Zu groß wird sonst die Berückungt
Deine Haare sind Ziegen,
die an den Hängen des Gilead ziehen!
Deine Zähne sind Schafe,
die der Schwemme entsteigen:
keines von ihnen hat einen Makel!
Eine Granatapfelschnitte ist deine Schläfe
hinter dem Schleier!

 

LIED DER EINZIGARTIGKEIT
(6,8-9)

Er

Sechzig Frauen mag Salomo haben
und achtzig noch sonst, von mir aus,
es sei ihm gegönnt:
Frauen und Mädchen, so viel er will,
mag er sie haben!
Einzigartig jedoch ist meine Taube, die Beste,
die eingeborene Tochter!
Salomos sämtliche Frauen jubeln ihr zu!

 

LIED DER STRAHLUNG
(6,10)

Er

Wer ist sie, die glänzt wie das Morgenrot?
Wer ist sie, die strahlt wie der Mond?
Wer ist sie, die scheint wie die Sonne?

 

LIED DER ENTRÜCKUNG
(6,11-12)

Sie

In den Nußgarten steig' ich,
die Palme zu sehen, ob sie schon sproßt,
den Weinstock zu sehen, ob er schon austreibt,
die Granatbäume, ob sie schon blühen!
Da war ich entrückt und ohne mein Wissen
geriet ich in Fahrt im Wagen meines Gefährten!

 

LIED DES HOCHZEITSTANZE
(7,1-6)

 

Die jungen Männer

Dreh dich, dreh dich, laß dich betrachten,
Schulammit, dreh dich im Kreis!

Sie

Was wollt ihr denn sehn beim Reigentanz?
Worauf wollt ihr denn bei Schulammit schauen?

Er

Wie schön du verstehst deine Füße zu setzen,
wie majestätisch in deinen Sandalen!
Meisterlich ist der Schwung deiner Hüfte,
als wär' er das Werk eines Goldschmieds!
Empfangsbereit ist dein Schoß:
ein Becken, dem nie der Mischtrunk vertrockne!
Dein ganzer Leib ist gereifter Weizen,
den Lilien säumen!
Gazellenzwillinge sind deine Brüste!
Ein Elfenbeinturm ist dein Hals!
Die Teiche zu Heschbon
beim Tor von Bat-Rabbim
sind deine Augen, und deine Nase
ist der Libanonturm, der nach Damaskus schaut!
Dein Kopf ist der Karmel, und deine Haare sind
ein Knäuel purpurner Wolle,
in dem sich der König verstrickt!

 

LIED DER PALME
(7,7-10)

Er

Schön bist du, meine Liebe,
reizend bist du, mein Glück!
Wie die Palme bist du gewachsen!
Datteldolden sind deine Brüste!
Ich sage: ich klettre die Palme hinan!
Ergreifen will ich die Datteln, ergreifen
die Weintraubenbrüste! Riechen will ich
an deinem Apfelatem und trinken den
Wein deines Mundes, der mir im Schlaf noch
Lippen und Zähne benetzt!

 

LIED DES VERLANGENS
(7,11)

Sie

Mein Freund ist mein, und ich bin sein!
Nach mir steht sein Verlangen!

 

LIED DER WANDERUNG
(7,12-13)

Sie

Komm mit, mein Freund, gehn wir aufs Land,
wandern wir über die Felder!
Das Nachtlager machen wir uns
am Rande der Dörfer, und wenn's wieder tagt,
wollen wir gleich in die Weinberge gehn,
den Weinstock zu sehen, ob er schon austreibt,
die Rebknospe, ob sie schon offensteht,
die Granatbäume, ob sie schon blühen.
Dort geb' ich mich dann, Liebster, dir hin!

 

LIED DER ÄPFEL
(7,14)

Sie

Äpfel, duftende Äpfel hab' ich für dich!
In der Kammer sind köstliche Früchte:
solche von heuer und solche vom Vorjahr,
die ich für dich gespart hab',
mein Freund!

 

LIED DER HEIMLICHKEIT
(8,1-2)

Sie

O wäre ich nur deine Schwester
mein Freund!
O wärst du der Sohn meiner Mutter,
dann müßte ich nicht heimlich dich treffen,
ich könnte dir draußen begegnen
und würde dich küssen, und niemand
könnte mich schelten!
Ich würde dich holen! ins Haus meiner Mutter
würd' ich dich bringen! Würzwein kredenzte ich dir
und tränke mit dir Granatapfelmost!

 

LIED DER UMARMUNG
(8,3)

Sie

Mit der linken Hand hält er meinen Kopf,
und mit der rechten umfaßt er mich fest!

 

LIED DER BEHUTSAMKEIT
(8,4)

Er

Töchter Jerusalems, bei Hirsch und Gazelle
laßt euch beschwören: Seid nicht zu rasch
und weckt mir die Liebe nicht auf,
ehe sie nicht von selber erwacht!

 

LIED DES APFELBAUMS
(8,5)

Die jungen Männer

Wer ist sie, die da heraufsteigt?
Wer kommt aus der Steppe,
gestützt auf den Freund?

Er

War ich nicht der Apfelbaum,
in dessen Schatten du lagst,
als ich dich weckte,
und in dessen Schatten dich
deine Mutter empfing und gebar?

 

LIED DES SIEGELNS
(8,6a)

Sie

Mach mich zum Siegel auf deinem Herzen,
steck mich als Siegelring an deine Hand!

 

LIED DER MÄCHTIGKEIT
(8,6b-7a)

Sie

Stark wie der Tod ist die Liebe,
die Leidenschaft mächtig wie die Scheol!
Die Gluten der Liebe sind feurige Gluten,
mächtige Brände! Selbst Wassermassen
können die Liebe nicht löschen,
selbst Ströme töten sie nicht!

 

LIED DES FEILSCHENS
(8,7b)

Sie

Feilschte einer um Liebe,
und böte er auch für die Liebe
all seinen Reichtum, ja, gäbe er gar alles hin,
was er besitzt, um zu besitzen die Liebe:
Verlacht nur würde der Feilscher!

 

LIED DER BRÜDER
(8,8-10)

Die jungen Männer

Was sollen wir tun mit unserer Schwester:
sie ist noch so klein, noch ganz ohne Brüste?
Was sollen wir tun mit unserer Schwester,
wenn einer daherkommt und sie zur Frau will?
Ist sie eine Mauer, so baun wir auf ihr
eine silberne Zinne! Ist sie eine Tür,
so verriegeln wir sie mit Libanonholz!

Sie

Ich bin eine Mauer, und meine Brüste sind Türme,
so hab' ich bei ihm Entzücken geweckt!

 

LIED DES WEINBERGS
(8,11-12)

Er

Es war ein Weinberg in Baal-Hamon,
den besaß Salomo
und übergab ihn den Hütern:
Ein wertvoller Weinberg! Tausend Silberlinge
bringt der leicht ein!
Ha, Salomo! Gern überlaß ich
dir deine tausend! Und zweihundert denen,
die deinen Weinberg bewachen!
Mein eigener Weinberg, der vor mir liegt,
der hat für mich viel viel größeren Wert!

 

LIED DER LOCKUNG
(8,13-14)

Er

Du bist in den Gärten, wo bleibt dein Ruf?
Zeig deine Stimme, laß mich dich hören!

Sie

Komm nun, mein Freund, gazellenschnell komm,
flink wie ein Junghirsch auf duftenden Bergen!

 

Aus: "Du bist schön, meine Freundin!" Das Hohelied der Liebe
Deutsche Nachdichtung von Josef Dirnbeck
Prosa über die Poesie des Hohenliedes von Peter Paul Kaspar
Herder Verlag Wien Freiburg Basel 1984

 

 

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