Der Völker
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(Ausgewählte Gedichte)
 







 



Schau', der Kirschbaum regt die Glieder,
Lastet doch kein Schnee mehr drauf,
Und der Frühling atmet wieder
Zwischen Weidenzweigen auf.
Zwitschernd um des Daches Rinne
Ist die Schwalbe eingekehrt,
Liebesehnend hat die Sinne
Schon der Vogel Yng betört.
Daß sich Mahl und Lust verkette,
Will der Tag erst spät verglühn,
In der Zeit, da um die Wette
Mit den Knospen Mädchen blühn,
Die einander jung und schön,
Ihre Anmut noch erhöhn.

Wenn der Abend sich besternte,
Weicht der Wächter stumme Schar,
Bis das Frührot Freuden lernte,
Die die schöne Nacht gebar.
Laue, linde Lüfte wehen
Bis zum innersten Palast;
Seidene Gehänge spähen,
Bis der Morgen sie erfaßt.
Wasserrosen, müd des Träumens,
Bringen dem verjüngten Jahr
Das Geheimnis ihres Keimens
Den Tribut des Blühens dar.
Doch die Sonne überbieten
Des Palastes offne Blüten.

Knospen auf den Birnenzweigen
Aus den Bäumen Vogelsang,
Mädchen, die sich tanzend neigen,
In dem Park von Tschaonang.
Junges Gold der Trauerweide
Glänzt am blauen Gartenhaus,
Hinter der gestickten Seide
Geht die Liebe ein und aus.
Wenn in ihrer Zweige Flechten
Schon die Pflaume still verblüht -
In den wunderbaren Nächten
Wenn ins Land das Sehnen zieht:
Hält das Lager sich bereit
Liebesel'ger Trunkenheit.

Ist das Weiße am Gestade
Apfelblüte oder Schnee?
Schau', am Pavillon von Jade
Nisten Schwalben in der Höh'.
Liebende, erlauchte Wesen
Birgt das Schloß des Wunderbaus.
Schönste Frauen sind erlesen,
Fährt der Kaiserwagen aus,
Seine Lustfahrt zu begleiten;
Singend kommen sie herbei
Aus der Räume Heimlichkeiten,
Sagt mir, wer die Schönste sei:
O, die Schönste, die ich kenn',
Ist die Königin Fey-en!


  Chinesisches Liebeslied
(Li-Tai-Po)


 

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Literatur: Der Völker Liebesgarten Leipzig Verlag Julius Zeitler 1909
(Gesammelt und herausgegeben von Paul Seliger)
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