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Hans Leip
(1893-1983)
Kleines Kußbrevier
Jungfernschüchtern, zart und blaß
dieser Kuß weiß noch nicht, was
Wer die Lippen zu sehr knifft
meistens nicht das Rechte trifft
Mit der Unterlippe küßt
einer, der verdrießlich ist
Nur der kindlich reine Tor
stülpt das Mundwerk knallend vor
Angezündet Feuer lischt
wer den Kuß mit Spucke mischt
Wer nicht schmatzt und wer nicht schnaubt
Küsse wie Rosinen klaubt
Fest und prall, halb toll, halb zart
dieser Kuß hat rechte Art
Blitzt Rubin, ein Tröpflein Blut
frei dich, Kind, der Liebesglut
Süß gestohlen, Licht und Wein
solcher Kuß bleibt nicht allein
Dämpfend das Vernünftigsein
heizt er unversehens ein
hebt die scheue Brust und strafft
den beherzten Liebesschaft
Kurz und wild, verwegner Ort
dieser Kuß brennt ewig fort.
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