Halina Poswiatowska (1935-1967)
*
dieser Kuß
roch wie ein aufgebissener Mohnstengel
rot rieselte er von den Lippen
dieser Kuß
erblühte
in der weichen Handmulde
als ich mich auf die Zehenspitzen stellte
er klang
im reifen Feld
doch ich
war nicht mehr da
verschwunden
in diesem goldenen Kuß
_______________
*
unter den Bäumen - Liebe
zwischen den Menschen - Liebe
mitten im Regen
und in der Sonne
ich wechselte die Jahreszeiten
bis sie kam
jetzt
gibt es nur noch eine Jahreszeit
den Frühling
_______________
*
schließ die Augen
ich lege meine Finger
auf deine widerspenstigen Lider
schlaf ein
so liebkost
der Wind
die reglosen Bäume
die still
auf den leichtesten aller Küsse warten
den Tod
_______________
*
sei nah bei mir
denn nur dann
friere ich nicht
Kälte weht aus dem All
wenn ich bedenke
wie groß es ist
und ich dagegen
dann brauche ich
deine beiden geschlossenen Arme
zwei Strahlen des Universums
_______________
*
im giftigen Summen
im Rascheln der Gräser
in ungeschickten Bienenflügeln
wohnt die Liebe
in Küsse gekleidet
wie der Baum in Tropfen
wachse ich
und wenn ich an dich denke
ist es
als flatterte ein Schmetterling in der Hand
gefangen und blind
und die Zeit
hinter mir zum Sprung bereit
hält im Maul einen Grashalm
den heutigen Tag
_______________
*
komm doch
ich will deine Brauen berühren
wie erwachtes Wasser
komm doch
ich will auf deine Lippen fallen
wie vom Grund geschöpftes Wasser
warmer Regen
angeschmiegt
an die Scheiben deines Lächelns
werde ich bleiben um zu trocknen
in den restlichen Sonntagen
_______________
*
die Welt ist leer
seit du gegangen bist
man kann nicht leben ohne die Materie
des Lächelns
die Welt ist gestorben
am Lodern der Lampen
der blasse Mond
über deinen Lippen
verglimmt
die Welt ist böse
seit du gegangen bist
fletscht die Zähne
und spannt ihren Wolfspelz
was zusammengerollte Wärme war
ist nicht mehr
die Welt kosmisch in sich verloren
zittert vor Kälte
_______________
*
ich brach einen Zweig der Liebe
tot begrub ich ihn in der Erde
und siehe
mein Garten erblühte
man kann die Liebe nicht töten
wenn du sie in der Erde begräbst
wächst sie nach
wenn du sie in die Lüfte wirfst
treibt sie Flügel
wenn ins Wasser
blinkt sie in den Kiemen
wenn in die Nacht
leuchtet sie
also wollte ich sie in meinem Herzen begraben
aber das Herz war meiner Liebe Zuhause
mein Herz öffnete seine Herzenstür
und ließ seine Herzenswände in Liedern erklingen
mein Herz tanzte auf Zehenspitzen
also begrub ich meine Liebe im Kopf
und die Menschen fragten
warum mein Kopf die Form einer Blume hat
warum meine Augen wie zwei Sterne leuchten
warum meine Lippen röter sind als das Morgenrot
ich packte die Liebe um sie zu zerbrechen
doch sie war biegsam umschlang meine Hände
und meine Hände sind von Liebe gefesselt
die Menschen fragen wessen Gefangene ich bin
_______________
*
Trennung ist ein Vogel
der seine Federn ausgebreitet hat
zwischen mir und dir
alle Federn sind dunkel
alle Tage
ohne dich
die Nächte beben
verstreute Federn
am Himmel
wenn du kommst
laufen die goldenen Federn zur Sonne zusammen
und der Vogel stirbt
_______________
*
teile mit mir
das tägliche Brot meiner Einsamkeit
fülle mit deiner Gegenwart
die nicht vorhandenen Wände
vergolde
das nicht vorhandene Fenster
sei mir eine Tür
vor allem eine Tür
die man öffnen kann
sperrangelweit
_______________
*
mein Geliebter ist überhaupt nicht schön
und hat einen recht schwierigen Charakter
doch wer malt mir den Himmel
in dunklem Nachmittagsviolett
wenn ich ihn gehen lasse ohne Wiederkehr
mein Geliebter hat einen heißen Mund
und eine Reihe scharfer Zähne wenn er lachend
die Forderungen der Welt erwidert
mein Geliebter hat einen Mund der aufgeht
als Halbmond über jeder meiner Nächte
mein Geliebter ist nicht zärtlich seine Augen
gehen im Straßenrechteck tanzen
er läßt die Mädchen Feuer fangen
festgeklammert an seinen Schatten
halte ich meine Liebe an den Haaren
in seinem Schatten wird der zarte Grashalm
zu einem Apfelbaum in voller Blüte
_______________
*
solltest du mich je verlassen wollen
vergiß das Lächeln nicht
du kannst deinen Hut vergessen
deine Handschuhe das Notizbuch mit
wichtigen Adressen
irgend etwas wofür du wiederkommen müßtest
dann wirst du mich in Tränen aufgelöst finden
und nicht fortgehen
solltest du bleiben wollen
vergiß das Lächeln nicht
du darfst meinen Geburtstag vergessen
oder den Ort unseres erstes Kusses
oder den Grund für unseren ersten Streit
solltest du jedoch bleiben wollen
so tu es nicht mit einem Seufzer
sondern mit einem Lächeln
bleib
_______________
*
Blatt
umhülle mich mit Grün
ich bin ein kahler Herbstbaum
zittere vor Kälte
Wasser
tränke mich
ich bin der Sand
der heißen trockenen Wüste
der Wind läßt mich durch seine Finger rieseln
wärme mich
du der du die Sonne bist
vor der ich stehe
in Worten verborgen wie im Schatten der Bäume
pulsierende Quelle
_______________
*
ich hatte nur einen Hauch Frühling in den Fingern
Wind im Haar
ein Lächeln
zitternd verstreut
über das Wasser
ich war arm
also kam Krösus
in Lila gekleidet
und schüttete Gold
aus dem unergründlichen Himmelsschlund
eine Million Sterne
tanzte
unter dem Fliederstamm
ich nahm die Sterne
heftete sie an mein grünes Kleid
damit sie leuchten
die Nacht war warm und weich
und als du mich erblicktest
in die Nacht gekleidet
da bliebst du stehen
von dieser Pracht bezaubert
sagtest leise
ich liebe dich
sagtest
ich hab die Liebe gekauft
für eine Million
Himmelssterne
_______________
*
welcher Zärtlichkeit bedarf es sag
um die Schatten unter den Augen zu vertreiben
welcher Liebkosung um dem Strich der Lippen
den prallen Mond die volle Blüte zu entlocken?
welcher Liebe!
um den bebenden Krater zu löschen
die offene Wunde der Erde die
nicht heilen will oder nicht kann ...
_______________
*
ich weiß nicht was ich mehr liebe
dich oder die Sehnsucht nach dir
deine Küsse oder das Verlangen danach
das weiß es wird gestillt
ich dachte ich würde nie wieder Gedichte schreiben
doch mein Herz ist in Liebe angeschwollen
wie ein Fluß
und über die Ufer getreten wie ein Fluß
und der flinke Bach reißt die Worte mit sich
trägt sie fort
und alle sprechen sie von meiner Liebe
von meiner Sehnsucht
meinem Verlangen das zunimmt wie der Mond
gestillt nur in der Sonne deines Blickes
_______________
*
ich sehne mich
nach seiner Quelle sehnt sich das Grundwasser
ich habe ein Taubenmännchen gesehen
wie es aufgeplustert
ein Weibchen bestiegen hat
die Erde ist undurchdringlich
ich kreise in ihrer Tiefe
am schwersten ist es die Sonne zu sehen
an die Sonne zu glauben
und keine Wärme zu spüren
ich habe eine einsame Amsel gesehen
hinter Käfigstäben
ihr Gesang war warm
wie Hände
das Geheimnis des Anatomie
ergründe ich
Teile durch Namen getrennt
hänge ich an die Decke
wie Kräuter
reglos in ihrem Duft
sehne ich mich
_______________
*
Wenn du nicht kommst
wird die Welt ärmer sein
um dieses bißchen Liebe
um die Küsse die nicht
ins offene Fenster fliegen
die Welt wird kühler sein
um dieses Rot
das sich nicht plötzlich
heiß über meine Wangen ergießt
die Welt wird leiser sein
um dieses heftige Klopfen
des auffliegenden Herzens
um das Knarren der Tür
die sich weit öffnet
die zitternde lebendige Welt
wird erstarren
zu einer fast vollkommenen
geometrischen Form
_______________
*
über mein Zuhause
mit Wänden
aus warmen nicht zu Ende gedachten Träumen
werde ich das schönste Gedicht schreiben
über Kinderhaare
die sich nie verfangen werden
in meinen Frauenhänden
über Lippen die nicht in schwermütigem Verlangen
über die Unruhe meiner Nächte schweben werden
über die Liebe die aufblüht
in jedem geflüsterten Wort
in der Farbe der Rosen
im Duft nach gemähtem Gras
im eiligen Sternenfall
in der bitteren
Vernichtung von Schmetterlingsflügeln
erloschen in der Flamme der Kerze
über die Liebe
dunkel unerfüllt vollkommen
_______________
*
Zärtlichkeit
ich brauche Zärtlichkeit
mit Zärtlichkeit werde ich mein Haar füllen
mein lebendiges Haar
meine Finger meine Nägel
ohne sie könnte ich nicht atmen
meine Lunge
braucht Zärtlichkeit
es leuchten darin
zarte Lämpchen
durch das klare Glas
schimmert rosa
Zärtlichkeit
_______________
*
wir brauchen viele schlichte Worte
wie
Brot
Liebe
Güte
damit die Blinden in der Dunkelheit
nicht abkommen
vom richtigen Weg
wir brauchen viel Stille Stille
in der Luft und auch im Denken
damit wir die Stimme hören
die leise zaghafte Stimme
der Tauben
Ameisen
Menschen
Herzen
und ihren Schmerzensschrei
inmitten des Unrechts
inmitten all dessen
was weder
Liebe ist
noch Güte
noch Brot
_______________
aus: Halina Poswiatowska
Immer wenn ich leben will
Gedichte über die Liebe und den Tod
Piper Verlag München Zürich 2002
(Übersetzung: Monika Cagliesi-Zenkteler)
Kurzbiographie:
Halina Poswiatowska wird am 9.
Mai 1935 in Tschenstochau geboren.
Als sie sich während des Krieges mit ihrer Familie tagelang in
einem Keller verstecken muß
und eine Angina verschleppt, behält sie einen lebensbedrohlichen
Herzfehler zurück.
1949 wird sie zum erstenmal in einer Krakauer Klinik behandelt.
Der Krakauer Arzt selbst hat nicht die medizinischen Mittel, um
Halinas Leben zu retten.
Doch er setzt alle Hebel in Bewegung, um ihr eine Überfahrt nach
Amerika zu ermöglichen,
wo sie 1958 am offenen Herzen operiert wird.
Aber sie weiß, daß sie nicht viel Zeit hat um so
intensiver lebt sie ihr Leben.
Mit achtzehn Jahren lernt sie in einem Sanatorium
den ebenfalls herzkranken Adolf Ryszard Poswiatowski kennen.
Die beiden ignorieren die Gefahren einer solchen Verbindung,
hören weder auf Ärzte noch auf Verwandte,
die dringend von einer Partnerschaft abraten,
und heiraten nur wenige Monate später.
Das zerbrechliche Glück währt nicht lange:
Nach nur zweijähriger Ehe stirbt der junge Mann.
Die junge Frau kämpft um jeden einzelnen Tag,
ihr Mut weckt Bewunderung, ihr Lebenshunger scheint unstillbar.
Ihr Gesundheitszustand verschlechtert sich erneut.
Am 11. Oktober 1967 stirbt Halina Poswiatowska, erst 32jährig,
wenige Tage nach einer zweiten Herzoperation.
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