John Donne (1572-1631)

 

  1. DER MORGEN

  2. BEI SONNENAUFGANG

  3. DIE HEILIGSPRECHUNG

  4. UNENDLICHKEIT DER LIEBE

  5. DAS VERMÄCHTNIS

  6. EIN FIEBER

  7. DER JAHRESTAG

  8. TWICKNAM GARDEN

  9. EIN ABSCHIED - ÜBER DAS BUCH

  10. DER LIEBE WACHSTUM

  11. BEGRENZTE LIEBE

  12. DER TRAUM

  13. EIN ABSCHIED -VOM WEINEN

  14. DER FLOH

  15. DAS GEBROCHENE HERZ

  16. ABSCHIED - VERBOT ZU TRAUERN

  17. DIE EKSTASE

  18. DAS AUSATMEN

  19. EINE VORLESUNG ÜBER DEN SCHATTEN

  20. DAS LIEBESPFAND

 

*
DER MORGEN

I wonder by my troth, what thou and I
Did, till we lov'd? Were we not wean'd till then?

Ich frag mich, was wir taten, du und ich,
Bis wir uns liebten? War'n wir nicht entwöhnt?
Gesäugt von Kinderspielen lächerlich?
In Siebenschläfers Höhle schlafgewöhnt?
So war es wohl -; doch all dies, - eitler Schaum.
Jedoch, wenn jemals Schönes ich erblickt,
Was ich ersehnte, fand: es war von dir ein Traum.

Jetzt den erwachten Seelen Guten Morgen,
Die nun einander, nicht aus Furcht, bewachen;
Denn Liebe wird die Lieb' zu andern schmälen,
Und einen kleinen Raum zur Welt sich machen.
Entdecker laß zu neuen Welten reisen,
Laß Karten Andern Welt um Welten weisen:
Laß eine Welt uns haben - und als eine kreisen!

In deinem Aug erscheint mein Angesicht,
In meinem deins, die reinen Herzen zeigend;
Zwei bessre Hemisphären fand man nicht:
Ohn kalten Nord, und nicht nach Westen neigend.
Was ungleich war gemischt, muß Tod erleiden -
Ist unsre Liebe eins nur, und wir beiden
Gleich liebend: nie kann eins ermatten noch verscheiden

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*
BEI SONNENAUFGANG

Busy old fool, unruly sun...

Du alter Narr, geschäftge Sonne,
Was rufst denn du
Uns Liebenden durch Vorhang, Fenster zu?
Daß dein Lauf regele der Liebe Wonne?
Du frecher, elender Pedant!
Schuljungen, die verschlafen, schilt!
Den Jägern sag, der König sei gewillt
Zu reiten; ruf zur Ernte auf dem Land!
Lieb, immer gleich, nicht Ort noch Zeiten kennt,
Die Lumpen nicht, die Tag und Stund man nennt.

Meinst du, dein Lichtstrahl sei zu ehren
Und stark und flink?
Verfinstern könnt ich ihn mit einem Wink -
Nur will ich
ihren Anblick nicht entbehren!
Und blendet ihr Aug' nicht das Deine,
So schau, und sage morgen mir,
Ob beider Indien Gewürz und Steine
An ihrem Ort sind und nicht vielmehr hier!
Sollst nach den Fürsten, die du sonst sahst, fragen -
»In diesem Bett sind alle!« wird man sagen.

Die Fürsten: ich; die Staaten: sie –
Nichts sonst besteht.
Uns spielen alle Fürsten; was ihr seht
An Ehr', ist Schauspiel, Reichtum Alchemie.
Bist halb so froh wie wir du nicht,
Du Sonne, da die Welt so klein?
Dein Alter schon' ich: du genügst der Pflicht,
Die Welt zu wärmen, wärmst du uns allein.
Schein' hier für uns, und du bist überall:
Dies Bett dein Zentrum, Sphäre dieser Wall.

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*
DIE HEILIGSPRECHUNG

For God's sake hold your tongue, and let me love -

Um Gotteswillen, schweig und laß mich lieben!
Schilt meinen Schlagfluß, meine Gicht,
Fünf graue Haar' verspott, was mir gebricht;
Dein Geist sei und dein Wohlstand hoch getrieben,
Nimm eine Stelle ein im Rund,
Beachte Huld und Ehrenbund,
Betracht des Königs wahres Antlitz und
Auf Münzen das; folg deinen Trieben:
Wenn du nur mich läßt lieben!

Ach, ach, wer ward geschädigt durch mein Lieben?
Mein Seufzen hat welch Schiff versenkt?
Wes Land ward durch mein Weinen denn ertränkt?
Ist Lenz durch meine Kälte ferngeblieben?
Wann hat der Brand in meinem Blut
Vermehrt der Seuchen Fieberglut?
Soldaten finden Krieg noch, Richter gut
Genug Volk, das zu Streit getrieben –
Ob sie und ich gleich lieben!

Nennt, wie ihr wollt, uns - so formt' uns das Lieben:
Mögt sie und mich zwei Mücken nennen,
Wir sind die Kerzen auch, dran wir verbrennen,
Und Adler sind und Taube wir geblieben,
Das Phönix-Rätsel hat mehr Sinn,
Da ich und du als eins es bin:
Zum Neutrum kamen zwei Geschlechter hin;
Wir sterben, auferstehn und üben
Geheimnisvoll das Lieben!

Wir können sterben - leben nicht - durch Lieben,
Und paßt für Grab und Bahre nicht
Unsre Legende, so doch fürs Gedicht,
Und wird kein Chronikblatt mit uns beschrieben,
Baun wir in Versen Räume fein:
Es schließt die Urne, zierlich klein,
Doch so viel Staub wie weite Gräber ein.
Man wird uns, durch der Verse Üben,
Kanonisier'n für Lieben.

So ruft uns an: ihr, da. ehrfürchtges Lieben
Einander euch zur Klause macht;
Ihr, deren Liebe wild ist, die einst sacht;
Wer nahm der Welten Seele, wer getrieben
In eurer Augen Zauberglas
(Den Spiegel, der in kleinerm Maß
Zeigt alles): Städte, Länder, alles das:
Erfleht vom Himmel. (recht zu üben)
Ein Muster eurem Lieben!

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UNENDLICHKEIT DER LIEBE

If yet I have not all thy love,
Dear, I shall never have it all.

Hab deine Lieb ich ganz noch nicht,
Werd niemals ich besitzen alle;
Vermag nicht, daß noch Seufzen aus mir bricht,
Kann bitten nicht, daß neue Träne falle;
Die Schätze, die erwerben sollten dich,
- Schwur, Tränen, Briefe - hab ich ausgegeben;
Jedoch nicht mehr gebührt für mich
Wie für geschlossnen Kauf nun eben.
Wenn deine Liebesgab ein Teilstück blieb,
Ein Teil zu mir, ein Teil zu andern trieb,
Hab niemals ich dich ganz, mein Lieb!

Und hätt'st du alles mir gegeben,
Wär's nur, was du besaßest dann;
Doch wenn im Herzen dir durch neu Erleben
Ein neues Lieben wuchs - durch manchen Mann,
Der seinen Schatz noch hat und draus mit Eiden,
Mit Seufzern, Briefen leicht nun aus mich sticht -
So muß ich neue Ängste leiden,
Solch Lieb versprachst du mir ja nicht!
Doch gabst du damals, was du hattest, hin;
Der Grund, das Herz ist mein; was wächst darin,
Muß mir gehören als Gewinn.

Doch möcht ich gar nicht alles haben:
Wer alles hat, bekommt nicht mehr!
Du mußt im Vorrat haben neue Gaben,
Da meine Liebe täglich wächst so sehr.
Kannst nicht dein Herz mir schenken jeden Tag
(Du könntest's dann, wenn nie geschenkt du's hättest!);
Der Liebe Rätsel: Herz, das fortgehn mag,
Bleibt dir, da nur durch den Verlust du's rettest.
Doch schlagen einen freiern Weg wir ein,
Die Herzen tauschend, werden ganz zu Ein
Wir, um des Andern All zu sein!

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DAS VERMÄCHTNIS

When I died last, and, Dear, I die
As often as from thee I go...

Als letzt ich starb - und, Lieb, wenn ich
Nur von dir gehe, sterb ich ja -
Und sei's bloß eine Stunde nah
(Doch solche Stunde scheint uns ewiglich) -:
Damals - daran erinnr' ich mich,
Da sorgte ich für das, was dann geschah:
Obgleich ich, der mich sandte, tot war - mein
Vermächtnis und Vollstrecker sollt ich sein.

Ich hört mich: »Gib ihr nun bekannt,
Mein Selbst (und das bist du!) hat Mord
An mir geübt. Mein letztes Wort
Ist - sterbend -: daß mein Herz dir sei gesandt.«
Ach, daß ich gar kein Herz mehr fand,
Als ich, zerfetzt, gesucht am Herzensort!
Von neuem tötet's mich, daß ich - stets wahr
Im Leben! - falsch doch im Vermächtnis war.

Doch da: das schien ein Herz zu sein,
Voll Ecken und voll Farben zwar,
Und böse nicht, noch gut es war;
Dran teil hat wenig, keiner hat's allein.
Wie eben Kunst es macht, so fein
Schien es mir, und nach dem Verluste gar
Wollt ich es senden dir an Stelle meines: -
Ach, keiner konnt es halten: es war deines!

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EIN FIEBER

Oh, do not die, for I shall hate
All women so, when thou art gone...

O stirb noch nicht: ich hasse dann
Die Frauen so (bin ich alleine),
Daß ich selbst dich nicht preisen kann,
Wenn ich dran denke, du warst eine!

Doch nein, noch kannst du sterben nicht,
Das heißt, die Welt verlassen auch!
Doch gehst du aus der Welt - zunicht
Wird sie mit deinem letzten Hauch.

Wenn, Welt-Herz, du von ihr dich trennst,
Bleibt sie als dein Gerippe dann,
Das schönste Weib nur dein Gespenst,
Verdorbner Wurm der beste Mann.

Ihr Schulen, streitend, welch ein Brand
Einstmals die Welten äschert ein:
Hat keine denn voll Geist erkannt,
Ihr Fieber, dieses, mag es sein?

Noch wird sie dadurch nicht zerstört,
Nicht kann solch Schmerz lang an ihr zehren,
Da viel Verderbnis zugehört,
Um solch ein Fieber lang zu nähren.

Ein solcher Glutenanfall ist
Ein Sternfall, der in dir verbrennt,
Doch deine Schönheit, was du bist,
Unwandelbares Firmament.

Mein Sinn hat dich ergriffen, und
Kann dauern er in dir auch nimmer –
Doch lieber wollt ich eine Stund
Dich haben, als die Welt für immer!

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DER JAHRESTAG

All kings, and all their favourites,
All glory of honours, beauties, wits...

Die Fürsten und ihr Hofstaat ganz,
Die Ehre, Schönheit, Klugheit, Glanz
Die Sonn selbst, die regiert der Zeiten Schar,
Ist ein Jahr älter nun, als wie sie war,
Als du und ich zum erstenmal uns sahen:
Und alle Dinge der Zerstörung nahen.
Nur unsre Liebe hat kein End,
Kein Gestern sie, kein Heut und Morgen nennt,
Im Lauf der Welt sie niemals von uns rennt,
Nur einen ersten, letzten, ew'gen Tag sie kennt.

Zwei Gräber müssen einst uns trennen,
Tod wär sonst Trennung nicht zu nennen.
So gut wie andre Fürsten müssen wir
(Die für einander Fürst genug sind hier!)
Im Tod doch diese Augen, Ohren meiden,
Genährt mit süßen Tränen, wahren Eiden.
Doch Seele, drin nur Liebe lebt
(Da alles andre unreif ist), erlebt
Dann solche Lieb' und die noch höher strebt:
Geht Leib zum Grab, die Seele aus dem Grab entschwebt!

Dann werden wir ganz selig sein,
Doch nicht mehr als die andern, nein!
Hier sind wir Fürsten; keiner sonst auf Erden
Kann solch ein Fürst, noch dessen Bürger werden.
Wer ist wie wir so sicher? Da uns keiner
Verraten kann als von uns beiden einer.
Laß uns von jeder Sorge weichen,
Laß edel lieben, leben, und verstreichen
Noch Jahr und Jahr zum Jahr, bis wir erreichen
Das sechzigste: das ist das zweit' in unsern Reichen!

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*
TWICKNAM GARDEN

Blasted with sighs, and surrounded with tears
Hither I come to seek the spring...

Verdorrt von Seufzern, Tränenflut um mich,
Nah ich, zu suchen Frühlingszeit:
Mein Aug und Ohr nimmt auf in sich
Solch Balsam, der sonst lindert jedes Leid;
Ach, Selbstverräter! - Schon bereit
Halt ich die Spinne >Lieb'<, verwandelnd alle,
Verbitternd Manna selbst zur Galle,
Und hab, damit der Ort sei ganz gemacht
Zum Paradies, die Schlange auch gebracht.

Mit wär's gesünder, wenn des Winters Schwere
Den Glanz des Orts verhüllte dicht,
Und wenn ein scharfer Frost verwehre
Den Bäumen, mir zu lachen ins Gesicht!
Doch daß ich diese Schande nicht
Ertragen brauche, noch den Garten fliehen,
Laß, Liebe, fühllos mich hier ziehen:
Mach zum Alraun mich, daß ich stöhnend klage,
Zum Felsenquell, der hier verweint die Tage.

Ihr Liebenden, schöpft mit kristallnem Krug
Der Liebe Wein aus meinem Weinen;
Der Freundin Tränen prüft genug:
Falsch sind sie, schmecken sie nicht wie die meinen –
Ach, Herzen nicht im Auge scheinen:
Nicht mehr wird draus der Frauen Sinn erkannt,
Als aus dem Schatten ihr Gewand.
Pervers Geschlecht! Da
sie nur treu ist! Dann
Ist sie's nur, weil sie so mich töten kann!

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EIN ABSCHIED - ÜBER DAS BUCH

I'll tell thee now, (dear Love) what thou shalt do
To anger destiny, as she doth us...

Ich will dir sagen, was du tun sollst, Lieb,
Zu ärgern das Geschick, gleich wie's uns quält,
Und wie ich - fortgeschleppt - dir nahe blieb,
Und wie man es der Nachwelt auch erzählt,
Daß dein Ruhm länger währt
Als Sybillens, mehr begehrt,
Als jene
*, die dem Pindar wert [* Corinna die Böotierin.]
Als sie*, mit deren Hilf Lucan gedichtet [* Lucans Gattin Polla Argentaria]
Als die*, von der Homer das Buch fand, wie berichtet [* Phantasia von Memphis]

Studier' die Manuskripte, jene Masse,
Myriaden Briefe zwischen dir und mir,
Draus schreibe unsere Annalen: hier
Hat der, den läuternd Liebesglut erfasse,
Exempel, Regelfund,
Glauben hier von jedem Grund,
Den nie versehrt der Ketzer Mund,
Der sieht, wie Liebe uns schenkt gnadenvoll,
Zu sein und zu verfassen dies ihr Protokoll.

Dies Buch, langlebig wie die Elemente -
Und wie die Welt, vergraben überall -
Schreib es in Chiffern, neuer Sprache Hall:
So sind wir Liebes-Priesters Instrumente:
Ist das Buch so gemacht,
Mögen über uns mit Macht
Vandalen stürmen auf zur Schlacht -
Ist Wissen sicher doch! in unserem Reich
Erlernt Musik die Sphäre, Engel Verse gleich.

Der Liebe Geistliche (denn Geistlichkeit
Ist Liebe - oder Wunder!) finden hier,
Was sie gesucht: abstrakter Liebe Zier,
Da Seelen dem, was unsichtbar, geweiht -
Doch will erheitern man
Glaubens Schwachheit, wählt man dann,
Was anschaun man und nutzen kann:
Ist Geist der Himmel, wo die Liebe thront -
In Schönheit sie sich darzustelln ist man gewohnt.

Besonders gebe der Jurist hier acht,
Durch welche Titel wir die Freundin haben,
Und wie verschlingt ihr Anspruch alle Gaben,
Die wir der Lieb nicht, nein, dem Weib gebracht,
Das, Herz und Augen fest,
Große Gaben wohl erpreßt,
Doch den, der darauf traut, verläßt,
Und für die Gründe >Ehre< und >Gewissen<
Die Fraun Chimären, ihnen gleich, zu geben wissen.

Hier mag der Staatsmann (der, so lesen kann!)
Den Grund für Okkupationen sehn,
Da Herrscherkunst und Liebe gleich verstehn,
Wie tödlich man geschickt verwunden kann;
Sie zeichnen sich drin aus,
Denn der Fürst beherrscht das Haus,
Des Schwachheit keiner kühn späht aus.
Sie sehen ihre Nichtigkeit allhie,
Wie mancher in der Bibel findet Alchemie.

So heb dein Denken: will von fern dich sehn;
Es zieht sehr weit, wer in die Höhe steigt.
Wie groß die Liebe ist, die Nähe zeigt -
Doch Trennung prüft, wie lang die Lieb wird stehn.
Man sucht den Breitengrad,
Wenn man Stern und Sonne naht,
Da sie am hellsten - doch der Rat,
Die Länge festzulegen, kann nur sein:
Zu prüfen, wann und wo Verfinsterung tritt ein.

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DER LIEBE WACHSTUM

I scarce believe my love to be so pure
As I had thought it was...

Ich glaube kaum, mein Lieben ist so rein,
Wie ich zuerst gedacht;
Denn es erträgt so fein
Wie Gras der Jahreszeiten Wechselmacht.
Mir scheint, ich log zur Winterszeit, zu schwören,
Endlos sei meine Lieb; könnt Lenz sie mehren?
Wenn Liebe - Arzenei, die alle Sorgen
Durch größre heilt - als Quintessenz nicht zählt,
Nein, als Gemisch von allem, was uns quält,
Und von der Sonne Wirkungskraft sollt borgen -
So rein, abstrakt ist Lieb nicht, wie die's nennen,
Die keine Liebste als die Muse kennen!
Wie alles, was aus Elementen stammt,
Schaut bald sie stumm, und bald wirkt sie entflammt.

Vergrößert nicht, doch deutlicher erhellt
Im Lenz die Liebe steigt,
Wie Sonn am Himmelszelt
Die Stern' nicht größer macht, doch größer zeigt.
Die zarten Taten - frische Blütentriebe -
Erblühn vom wachen Wurzelstock der Liebe.
Bewegt man Wasser, bilden Kreise sich
Aus einem Kreis - so kann sich Liebe mehren,
Wie einen Himmel bilden alle Sphären,
Denn alle sind konzentrisch ja um dich.
Mag jeder Lenz die Glut der Liebe mehren,
Wie Fürsten neue Steuerlast erdenken
In Kriegszeit, und im Frieden sie nicht senken -
So soll kein Winter, was im Lenz wuchs, stören!

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BEGRENZTE LIEBE

Some man unworthy to be possessor
Of old or new love, himself being false or weak...

Einer, der nicht zum Besitzer paßte
Alt' und neuer Lieb, da selbst er falsch und schwach,
Meinte, daß er sich vom Schmerz entlaste,
Wenn er seinen Zorn auf Frauen ausgöß. - Ach,
Draus ein Gesetz hob an:
Nur
ein Weib kenn' der Mann.
Ob man das sonst finden kann?

Kann für Sonn und Mond Gesetz denn gelten,
Nicht ganz frei zu lächeln, nicht ihr Licht zu leihn?
Scheiden sich die Vögel? Wird man schelten,
Lassen sie den andern fortziehn nachts allein?
Wählt neue Lieb ein Tier,
Sein Wittum bleibt ihm hier –
Schlechter als sie stehen wir!

Takelt man ein Schiff, im Port zu bleiben
Und nicht neues Land zu suchen überall?
Baut man Häuser, läßt man Bäume treiben,
Nur darauf zu blicken, und sonst zum Verfall?
Gut ist nicht gut, es sei
Denn gleich für Tausend frei –
Doch durch Geiz gehts rasch entzwei!

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DER TRAUM

Dear Love, for nothing less than thee
Would I have broke this happy dream...

Mein Lieb: so sel'gen Traum hätt' nie
Ich unterbrochen als um dich!
Er rührte mich
An den Verstand, zu stark für Phantasie,
Deshalb weckst du mich weise - doch
Du brachst den Traum nicht, nein, setzt fort ihn noch.
Du bist so Wahrheit, daß Gedank' an dich
Genügt, daß Traum zu Wahrheit wandelt sich.
In meinen Arm! Sollt ich nicht träumen nun
Den ganzen Traum, so laß den Rest uns tun.

Wie Blitze oder Kerzenschein
Dein Auge, nicht dein Laut, weckt' mich:
Doch hielt ich dich
Für einen Engel erst (um wahr zu sein!).
Doch als ich sah: mein Herz sahst du
Und - mehr als Engel - meinen Sinn dazu,
Und wußtest, was ich träumt', und wußtest, wann
Zu großes Glück mich weckte, und kamst dann –
Ich muß gestehn: ich fände es profan,
Säh ich für andres als du bist dich an!

Das Kommen, Bleiben zeigte dich;
Beim Aufstehn zweifl' ich, daß im Nu
Du bist nicht du.
Die Lieb ist schwach, wenn Furcht an Kraft ihr gleich;
Sie ward noch nicht zu Geist ganz rein,
Mischt sich noch Furcht und Scham und Ehre ein.
Vielleicht wie Kerzen, stets bereit, daß wir
Sie zünden, löschen - so tust du mit mir:
Du kamst zu zünden, gehst zu kommen - ich
Will hoffend träumen... ach, sonst stürbe ich!

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EIN ABSCHIED -VOM WEINEN

Let me pour forth
My tears before thy face, whilst I stay here...

Laß mich beginnen
Vor dir zu weinen! - Denn dein Antlitz schlägt
Zu Münzen meine Tränen, die es prägt.
Und Wert durch diese Prägung sie gewinnen.
Sie werden hier
Trächtig von dir:
Früchte viel Grams, die wohl von mehr noch sagen.
Wenn eine fällt, fällst du, von ihr getragen -
So sind wir, du und ich, nichts mehr dann an den Trennungstagen.

Auf einen Ball
Malt wohl ein Künstler nach dem Abbild dir
Europa, Afrika und Asien hier,
Und das, was nichts war, macht er rasch zum All;
Träne, die dich
So trägt in sich,
Wird Globus durch den Eindruck, ja, wird Welt,
Bis dein' und meine Tränenflut zerschellt
Dies Erdenrund, und deine Flut löst auf mein Himmelszelt.

Mond du und mehr:
Nicht Flut, daß ich ertrink in deiner Sphäre!
Wein' mich nicht tot in deinen Armen! Lehre
Das, was zu bald es tut, doch nicht das Meer!
Daß nicht der Wind
Ein Vorbild find',
Mir mehr, als er gewollt, zu tun an Leiden!
Des andern Hauch verseufzen ja wir beiden,
Und wer mehr seufzt, beschleunigt nur des Anderen Verscheiden!

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DER FLOH

Mark but this flee, and mark in this
How little that which thou deny'st me is...

Sieh diesen Floh, daß du ermißt,
wie das, was du mir wehrst, gering doch ist!
Erst saugt er mich, jetzt saugt er dich,
Und unser Blut - sieh, hier vermischt es sich.
Du weißt, daß man dies nicht benennt
Als Sünde, Schande, Mädchentumes End!
Ja, er genießt schon, ohn zu frein,
Und schwillt, gefüllt mit einem Blut aus zwein,
Und so viel, ach, kann uns vergönnt nicht sein!

Drei Leben schone in dem Tier,
In dem vermählt fast, ja noch mehr, sind wir!
Denn Du und Ich ist dieser Floh,
Der Tempel uns und Hochzeitsbett also.
Ob du samt Eltern grollst - gebannt
Vereint sind wir in lebend schwarzer Wand.
Wir dir mein Tod auch einerlei,
Doch Selbstmord nicht damit verbunden sei
Und Sakrileg: drei Morde: Sünden drei!

Ach, was denn, plötzlich und in Wut
Färbst du die Finger mit unschuldgem Blut?
Wo ward der Floh denn schuldig hier
Als in dem Tropfen, den er saugt aus dir?
Du triumphierst, und sagst, daß du
Nicht dich noch mich findst schwächer jetzt im Nu –
Schon recht! Nun sieh, wie falsch dein Beben!
So viel Ehr stirbt - wenn du dich mir gegeben –
Wie dieses Floh's Tod nahm von deinem Leben!

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*
DAS GEBROCHENE HERZ

He is stark mad, who ever says
That he hath been in love an hour...

Ganz toll ist jener, der da spricht,
Daß
eine Stund in Lieb' er ist!
Nicht, daß so rasch wird Lieb zunicht:
Doch zehn verschlingt sie in viel kürzrer Frist!
Wer würde 's glauben, schwüre ich,
Daß sie ein Jahr geplaget mich?
Wer lachte mich nicht aus, wollt' ich bekennen,
»Ein Pulverfaß sah einen Tag ich brennen!«?

Ach, was für Tand ist doch das Herz,
Fällt's einmal in der Liebe Hand:
Denn etwas Platz läßt andrer Schmerz
Für andres Leid, und wird als Teil erkannt;
Leid kommt, doch Liebe schleppt uns, zwingt
Und ohne Kauen uns verschlingt;
Wie Kettenschuß sie Reihen niedermäht,
Sie ist der Spieß, daran das Herz uns brät.

Und wär's nicht so - was könnte sein
Mit meinem Herz, da ich dich sah?
Ein Herz bracht ich mit mir herein,
Doch als ich fortging, war es nicht mehr da.
Wenn es zu dir gegangen wäre,
Gäb es dem Deinen wohl die Lehre,
Mehr Mitleid mir zu zeigen - ! Liebe, ach,
Zerschlug wie Glas es gleich beim ersten Schlag.

Da aber nichts zu Nichts zerfällt
Und keine Stelle bleibet leer,
Glaub ich, daß meine Brust enthält
Die Stücke noch, doch sind sie eins nicht mehr;
Und wie zerbrochnes Glas enthält
Ein hundertfaches kleinres Bild:
Herzfetzen können wünschen, ehren immer,
Nach solcher Liebe aber lieben nimmer!

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*
ABSCHIED - VERBOT ZU TRAUERN

As virtuous men pass mildly away
And whisper to their souls, to go...

Wie Edle sanft verscheiden: leis
Der Seele sagend, daß sie geht,
So daß die Freunde kaum gespürt,
Ob denn der Atem schon verweht

So laß uns schmelzen, ohne Laut,
Nicht Seufzersturm, nicht Tränenflut –
Entweihung wär es, sprächen wir
Dem Volk von unsrer Liebe Glut.

Der Erde Beben bringt viel Graun,
Und Menschen spüren, was geschehn –
Doch zitterte der Sphärenraum
Unendlich stärker - wer kann's sehn?

Die dumpfe Liebe Irdischer
(Da Seele an den Sinnen klebt)
Trägt Trennung nicht, denn Abschied raubt
Die Elemente, draus sie lebt.

Doch wir, durch Liebe, die so fein,
Daß wir kaum wissen, was sie ist,
Vom Geist gesichert, sorgen kaum,
Ob Lippe wir und Hand vermißt.

Die Seelen, die nur eine sind,
Erleiden - geh ich fort jetzt auch –
Doch keinen Bruch; sie weiten sich,
Wie Gold gehämmert wird zu Hauch.

Und sind's zwei Seelen, dann nur so,
Wie es mit Zirkelspitzen steht:
Der feste Fuß - du - scheint zu ruhn,
Doch folgt er, wenn der andere geht.

Ob er auch still im Zentrum weilt:
Doch wenn der andre schweift im Lauf,
So neigt er sich und horcht ihm nach
Und stellt sich, wenn er heimkehrt, auf.

So bist du mir, dem andern Fuß,
Der laufen muß in seinem Bann:
Dein Stillsein rundet meinen Kreis –
So ende ich, wo ich begann.

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DIE EKSTASE

Where, like a pillow on a bed
A pregnant bank swell'd up, to rest...

Dort, wo ein trächtges Ufer steigt
Dem Kissen gleich, darauf nun ruht
Der Veilchen Haupt, das sanft sich neigt -
Wir saßen, eins des andern Gut,

Ganz fest verkittet unsre Hand
Durch frisch entstandnen Balsams Saugen;
Der Augen Strahl, verzwirnet, band
Auf Doppel-Faden unsre Augen.

So unsre Hände einzugraben,
War einzges Mittel, uns zu einen;
Das Bild in Freundes Augen haben,
Das war, was wir als Zeugung meinen.

Wie Schicksal zwischen zwei Armeen
Läßt ungewiß den Sieg noch schweben:
So zwischen uns die Seelen stehen,
Die schon aus unserm Leib sich heben.

Wenn Seelen so Gespräche führen,
Der Körper grabmals-reglos lag;
Den ganzen Tag, ohn' uns zu rühren –
Wir sprachen nichts, den ganzen Tag.

Wenn jemand, so durch Lieb geklärt,
Daß Seelensprache er verstände
Und Geistes Wachstum drin erfährt -
In ziemender Entfernung stände

(Wüßt er auch nicht, welch Seele spricht,
Da beide Gleiches sagen, denken),
Er fände neuer Läutrung Licht
Und würd' sich reiner heimwärts lenken.

Solch Ekstasis lehrt, was wir lieben,
Nicht, daß verwirrend sie bewegte;
Es war nichts von Geschlechtes Trieben.
Wir sehn: wir sahn nicht, was sich regte.

Jedoch in jeder Seele bliebe
Gemischtes, das sie selbst nicht kennt –
Die schon gemischten mischt die Liebe,
Macht sie zu einem, ungetrennt.

Verpflanz ein Veilchen du im Hag:
Sein Wuchs, die Farbe und Gestalt
(Was früher arm und schwach und zag)
Verdoppelt und vermehrt sich bald.

So, wenn die Liebe sich ergießt,
Verschmelzend zwei zu einer Seele:
Die stärkre Seele, die draus fließt,
Behebt der Einzelseelen Fehle.

Die wir die Seelen so vermählen,
Wir wissen, woraus sie gemacht:
Unsre Atome sind ja Seelen,
Die nicht berührt des Wechsels Macht.

Doch ach, warum so lang Verzicht
Auf unsre Körper, die uns eigen
(wenn auch nicht ganz wir), die das Licht
Des Geistes uns als Sphären zeigen?

Wir schulden ihnen Dank, dieweil
Sie uns einander kundgemacht:
Sie gaben Sinne uns, ihr Teil,
Sind Schlacke nicht, nein, Helfermacht.

Die Himmelskraft wirkt auf den Mann,
Nachdem sie sich in Luft verteilt,
Und Seel' zur Seele gleiten kann,
Wenn sie zuvor im Leibe weilt.

Denn unser Blut strebt, solchen Geist
Zu zeugen, wie's die Seele kann,
Und unsre Finger knüpfen meist
Den Knoten, der uns macht zum Mann.

So müssen Seelen, die rein lieben,
Hinab zu Neigung und Verlangen,
Die für die Sinne greifbar blieben,
Sonst liegt ein großer Fürst gefangen.

Laß uns zum Leibe gehn und wählen,
Daß Schwächre Lieb' enthüllet sehn:
Mysterien wachsen in den Seelen,
Die dann im Buch des Leibes stehn.

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*
DAS AUSATMEN

So, so break off this last lamenting kiss...

So, so brich ab den klagend letzten Kuß,
Der beide Seelen aussaugt und verhaucht!
Du, Geist, geh dorthin, da ich hierhin muß –
Glücklichster Tag sei nun in Nacht getaucht.
Wir wolln nicht Urlaub von der Lieb, noch je
So niedern Tod wie durch das Wort: >Nun geh!<

Geh! Und hat dies Wort nicht getötet dich,
So sag es mir, und töte rasch mich nun!
Hats dich gemordet, wirk es jetzt auf mich,
Gerechtigkeit dem Mörder anzutun –
Vielleicht zu spät, da ich schon zweifach tot;
Da selbst ich geh und dir zu gehn gebot.

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*
EINE VORLESUNG ÜBER DEN SCHATTEN

Stand still, and I will read to thee
A lecture, Love, in Love's philosophy...

Da ich Kolleg dir halten will
>Philosophie der Lieb'<, steh, Liebe, still!
Da drei Stunden wir hier gehn,
Sind zwei Schatten auch zu sehn
Mit uns zusammen, die wir selbst erzeugten;
Doch da uns Sonne steht zu Häupten hier,
Die Schatten treten wir;
In reiner Klarheit alle Dinge leuchten.
Als junge Lieben wuchsen sehr,
Da kam von uns ein Schatten-Heer,
Uns zu verbergen: so ists jetzt nicht mehr!

Die Liebe kann noch nicht im Gipfel stehn,
Wenn sie noch sorgt, daß andre sie nicht sehn.

Wenn unsre Lieben nicht am Mittag halten,
So werden neue Schatten wir entfalten.
Jene ersten täuschten schön
Andre - doch die nun entstehn,
Sie werden sich auf unser Aug erstrecken:
Wenn unsre Liebe matt sich westwärts senkt
Und jeder von uns denkt,
Dem andern seine Taten zu verstecken!
Der Morgenschatten schwinden mag,
Doch jener wächst am Nachmittag,
Und stirbt die Lieb, ist, ach, so kurz ihr Tag.

Lieb ist ein Licht, das wächst, mittäglich lacht,
Doch die Minut' nach Mittag ist schon Nacht.

_______________


*
DAS LIEBESPFAND

Send me some token, that my hope may live...

Schick mir ein Zeichen, daß mein Hoffen sprieße,
Mein rastlos Grübeln endlich schläft und ruht!
Schick etwas Honig, der mein Haus versüße,
Daß ich das Beste hoff in Liebesglut.

Ich will nicht ein von dir geflochtnes Band,
Die Lieb zu knüpfen in den Zauberbund
Erneuter Jugend; keinen Ring - den Stand
Der Neigung zeigend - die gleich glatt und rund:

So sollten unsre Lieben schlicht sich finden!
Korallen nicht, die deinen Arm umschränken,
Die sich in schöner Harmonie verbinden –
Das heißt: im gleichen Grund ruh unser Denken!

Auch nicht dein Bild, aufs lieblichste zu sehen
Und sehr erwünscht, da es dir gleich geblieben,
Nicht kluge Zeilen, die schon häufig stehen
In all den Briefen, die du mir geschrieben!

Mich zu bereichern, schick mir nichts mehr her –
Nur schwör: du glaubst, ich liebe dich! Nichts mehr!

_______________

 

Aus: John Donne Nacktes denkendes Herz
Aus seinen poetischen Schriften und Prosawerken
Ausgewählt, übersetzt und eingeleitet von Annemarie Schimmel
Verlag Jakob Hegner in Köln 1969

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