Aus der chinesischen und persischen Liebesdichtung
Chinesische Liebesdichtung
Die zarte
Inbrunst mag sich so entfalten:
Du blätterst Blatt um Blatt in einem Buche.
Und plötzlich mußt du leise innehalten:
Du bist betäubt von einem süßen Ruche,
Der aus den
Seiten dir entgegenschlägt.
Du bist von einem holden Hauch bewegt -
Als nun die Freundin, deren Herz sich regt,
Die Wange sacht an deine Wange legt.
(Anonym)
___________
IMPROVISATIONEN
1.
Die
Libelle schwebt zitternd und schillernd über dem Teich.
Der liegt glatt
und regungslos. -
So bebt mein Herz
An deinem Herzen.
2.
Das
Pfauenauge tanzt von Blume zu Blume
Die
Weinbergschnecke braucht eine Woche von
der Rose bis zur Narzisse.
Deine Liebe ist die Liebe des Pfauenauges,
Meine Liebe ist die Liebe der Weinbergschnecke.
3.
Ich
sah einen Raubvogel über dem Garten kreisen.
Der Hund
bellte. Die Hühner wurden unruhig.
Da sah ich dich am Fliederzaun winken.
Meine Augen verschleierten sich. Mein Blut rauschte.
4.
Der
Himmel blüht wie eine dunkle Dolde.
Der Fluß
fließt durch die Nacht. Das Herz tickt.
Jenseits des Stromes wandert ein Licht über die Heide:
Ein Arzt, der zum Kranken eilt, oder ein Jäger
oder mein Mädchen, das zum Nebenbuhler schleicht.
(Anonym)
___________
Zum Mädchen, das
in ihrer Kammer näht,
Ist plötzlich süß ein Flötenton geweht.
Durchs Fenster
fällt ein Schatten auf ihr Knie
Von dem Orangenbaum und streichelt sie.
Ist es des
Liebsten Hand? Und dünkt ihr nicht,
Daß er ihr bald Orangenblüten flicht?
Tin-tun-ling
___________
Wenn ich, an
ihren Brüsten hingesunken,
Den heiligsten der Tränke tief getrunken:
Komm, Drache Tod,
laß mit dem letzten Hauch
Uns in die Luft vergehn wie blauer Rauch,
Und laß uns noch
nach hunderttausend Jahren
Vereint als Sturmwind durch die Lüfte fahren!
Li-hung-tschang
___________
Aus der persischen Lyrik
Nachdichtung des Hafis
In
welcher Sprache ich auch schriebe,
Persisch und
türkisch gilt mir gleich.
Ein Himmel wölbt sich über jedem Reich,
Und Liebe reimt sich überall auf Liebe.
___________
Dies
dünkte Hafis Inbegriff des Schönen:
Wenn Mädchen
tanzen, und die Becher tönen.
Wenn der Gesang ihm von der Lippe loht,
Und wenn er lächelnd schreitet in den Tod.
___________
Wär
ich der See, in dem du dich bespiegelst,
Wär ich der
Quell, der dich, du Blume, netzt.
Wär ich der Brief, den du mit Gold versiegelst,
Wär ich der Hund, den deine Spielwut hetzt.
Wär ich der
Baum, der deinen Schlaf beschattet,
Wär ich der Traum, den deine Sehnsucht schürft.
Wär ich dein Gatte, der dich nachts begattet,
Wär ich das Licht, das dich erhellen dürft!
___________
Mein
Auge ist nur dazu da,
Daß es dich
spiegelt.
Mein Mund, damit er deinen Mund
Versiegelt.
Die Hand, damit sie deine Hand
Behalte.
Mein Sinn, damit er deinen Sinn
Entfalte.
___________
Ich
las in e i n e m Buch nur mit Vergnügen,
Doch kann ich
mich an ihm nicht lesen satt.
Die Liebe lese ich in deinen Zügen
Und blättre k ü s s e n d Blatt um Blatt.
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Allah
lächelt mir so lieblich,
Und es blüht
der Tubabaum.
Jubelnd ach begreif ich's kaum:
Allah lächelt mir so lieblich.
Allah lächelt
mir so lieblich,
Sieh Suleika, wie er lächelt,
Wie sein Hauch dein Herz umfächelt,
Allah lächelt uns so lieblich.
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Der
Nachtigall im Strauche lauschst du nicht,
In den
Novemberstürmen rauschst du nicht,
Mit deinem edlen Pferde jagst du nicht,
Den Pfeil auf deinem Bogen wagst du nicht.
Der Kuß auf schöner Lippe blüht dir nicht,
Das Herz im Feuertaumel glüht dir nicht.
Was bist du
Mensch, und was denn willst du sein?
Es bleibt dir nichts: ertränke dich ... im Wein ...
___________
Daß
uns der Fürst wie Schachfiguren schiebe,
Sei widerraten
ihm: es herrsche Liebe!
Ob uns der Sturm
rauh in Atome stiebe,
Uns schweißt zusammen Liebe, Liebe, Liebe.
Gieß deine
Tugenden durch tausend Siebe.
Was übrig bleibt ist. Liebe, Liebe, Liebe.
Was tat der Tod
dem, der ihn bald vertriebe
Zum Tode mit dem Feuerschwert der Liebe?
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Mich
liebte Persiens schönste Frau.
Der Himmel
färbte meine Augen blau.
Ich liebte
Persiens schönstes Kind,
Da ritt auf Wolke ich und Wind.
Ich liebte
Persiens schönstes Weib:
Leib wurde Geist, Geist wurde Leib.
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Erst
dacht ich, daß in deinem Auge ich am Ziele
Der ganzen
Welt.
Nun sehe ich wieviele Ziele
Mir noch gestellt.
Ich sinne täg-
und stündlich,
Was hinter deiner Stirne brennt ...
Ich weiß: da glänzt so unergründlich
Das ganze Firmament.
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(Aus: Klabund: Gesammelte Nachdichtungen: China, Japan, Persien, Phaidon Verlag Wien 1930)
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