Aus dem Andalusischen Liebesdivan
Wahre Liebe ist
kein Kind von Augenblicken,
Ist kein Feuerstein, der flüchtge Funken sprüht.
Langsam muß sie wachsen, sich entwickeln
Und zur Fackel werden, die beständig glüht.
Dann wird sie,
der Säule gleich, nach Jahren
Noch Verdruß und Trennung überstehen.
Wer die Welt besieht, wird überall erfahren:
Was geschwind entsteht, wird auch geschwind vergehen.
IBN HAZM (994-1064)
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Ich schwöre dir,
daß ich dich ewig lieben werde.
Hab ich dein Herz gewonnen, Liebste, glaub' es:
Dann sind die ganze Menschheit und die Erde
Für mich Insekten und Atome grauen Staubes.
IBN HAZM (994-1064)
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DIE
LIEBESGESCHICHTE VON HAFSA UND
ABU DSCHA'FAR
HAFSA (an Abu Dscha'far)
Ein Gast steht
draußen. Sein Gazellenrücken
Trägt ein Gesicht so schön wie Vollmondschein.
Die Blicke, die er wirft, sie wollen dich entzücken
Und seine Lippen sind noch süßer als der Wein.
Die Rose selbst
erbleicht vor seinen Wangen.
Beim Lächeln läßt er Perlenzähne sehn.
Er wartet. Willst du diesen Gast empfangen,
Geliebter? Oder soll ich wieder gehn?
HAFSA (an Abu Dscha'far)
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Geliebte, deren
Namen ich verschweige,
Mich brachte dein Besuch in große Not.
Die Eifersucht des Fürsten macht mich feige:
Erwischt er uns, droht mir ein jäher Tod.
Ich bitte dich:
laß keinen Tag vergehen,
An dem du nicht Gebete sprichst für mich.
Auch ich gedenke dein in den Moscheen
Und meine Liebe wächst beständiglich.
Wenn in der Nacht
die Turteltauben schweigen,
Dann seufze ich, weil mich die Sehnsucht quält.
Wann werden wir, einander ganz zu eigen,
Erfüllungen genießen, ungezählt?
Du aber
schmollst, weil ich dich nicht empfangen,
Verweigerst mir den Gruß und übergehst mein Schreiben.
Erhöre mich! Sonst wird mich mein Verlangen
Nach deiner Liebe zur Verzweiflung treiben.
ABU DSCHA'FAR (an Hafsa)
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WOHL TRAFEN DEINE VERSE BEI MIR EIN
Wohl trafen deine
Verse bei mir ein,
Doch will ihr Inhalt mir in keiner Weise passen.
Du willst in Liebesdingen so erfahren sein
Und hast nicht Mut genug, dein Glück zu fassen?
Wer wahrhaft
liebt, den hemmen nicht Bedenken.
Der weiß geschickt, Gefahren auszuweichen.
Was läßt du dich von der Verzweiflung lenken,
Wenn du nur klug sein mußt, um alles zu erreichen?
Noch immer
spenden Wolken kühlen Regen.
Noch immer ziehn sich Gärten meilenweit hinan,
In deren Lauben man auf unbegangnen Wegen
Ganz insgeheim einander finden kann.
Dort öffnen sich
die Blüten. Und der volle
Süßschwere Duft sinkt satt auf überreife Beeren -
O wüßtest du, aus welchem Grund ich schmolle,
Du würdest dich darüber nicht beschweren.
HAFSA (an Abu Dscha'far)
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Wirst du nun
kommen, oder soll ich dich besuchen?
Mein Herz ist so geneigt, dir alles zu erfüllen.
Mein frühlingssüßer Mund will deine Küsse buchen,
Mein wehend Haar will schattig dich umhüllen.
Mög dir die
Hitze großen Durst bescheren:
Ich kann zur Mittagsruh zu deinem Lager kommen.
Gib eilig Antwort, Liebster. Sehnsucht mög dich lehren,
Daß Stolz und Kühle dir in keiner Weise frommen.
HAFSA (an Abu Dscha'far)
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Lob sei den
Lippen, die sich andern Lippen fügen!
Jetzt wurde endlich die Erfahrung mein,
Und Allah weiß, ich spreche keine Lügen:
Der Küsse Duft ist süßer als der Wein.
HAFSA
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Nun möge Allah
segnen jene Nacht,
Da wir uns in der Gärten Schoß versteckten,
Da uns der Hügel seine Brise dargebracht
Und alle Nelken ihre Düfte für uns weckten.
Die Tauben
girrten uns ein Lied. Die Myrtenzweige
Am Bach vergnügten sich, im Takte mitzuwippen,
Als wir zum Spaß des Gartens bei des Tages Neige
Uns heiß umarmt und uns geküßt die Lippen.
ABU DSCHA'FAR (an Hafsa)
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O nein, der
Garten fand nicht Spaß an unsern Lüsten.
Er zeigte nichts als Eifersucht und Neid.
Der Bach war böse, als wir froh uns küßten.
Die Tauben gurrten nur ihr eigen Liebesleid.
Drum sei
verschwiegen, fällt es dir auch schwer.
Denk an die Folgen, wenn uns andre sähen.
Die Sterne, merke dir, sie schienen zu uns her
Nur zu dem Zwecke, um uns auszuspähen.
HAFSA (an Abu Dscha'far)
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O, Abu Dscha'far,
Sohn von edlem Stamme,
Dein Liebesglück, es hat nicht seinesgleichen,
Und du genießest ungestört die köstlich-süße Flamme
Wo dich der Neider Augen nicht erreichen.
Willst du nicht
einem guten Freund gestatten,
- Er ist diskret und läßt kein Wort davon entrinnen -
Daß er, wenn Lust euch eint in stiller Lauben Schatten,
Heimlich zugegen sei mit seinen Dienerinnen?
AL-KUTANDI (an Abu Dscha'far)
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Wir schlugen dein
Ersuchen ab nach gutem Brauche.
Dennoch versuchtest du, uns heimlich zu begehen.
Du fielst dabei in eine Grube voller Jauche.
So ist dir, Freundchen, wahrlich recht geschehen.
Da stehst du nun,
bedeckt mit Kot und Seiche,
Als wollt' der Unrat deiner Brust nach außen scheinen.
Nimm dich in acht, du alter Lustmolch! Weiche
Von jenen Orten, da wir uns vereinen!
HAFSA und ABU DSCHA'FAR (an Al-Kutandi)
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Du bist mein
Erster, Liebster. Glaube mir:
Die Leute lügen, die dir andres sagen.
Wie hätte ich, Geliebter, denn vor dir
Je einen anderen im Herzen können tragen?
HAFSA (an Abu Dscha'far)
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ICH BIN AUF MEINEN EIGNEN SCHATTEN EIFERSÜCHTIG
Ich bin auf
meinen eignen Schatten eifersüchtig.
Er könnte mich vielleicht mit dir betrügen.
Ach, schlöß ich bis zum jüngsten Tag dich züchtig
In meine Augen ein, es wurd, mir nicht genügen.
HAFSA (an Abu Dsch'afar)
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SO LANDETEN WIR HIER IM WACHLOKALE
Schwarz hing der
Himmel voll an diesem Tage,
Da wir Vergnügen suchten in der Jagd.
Die Nacht zuvor das wilde Zechgelage
Hatte uns den Gedanken eingesagt.
Und trunken
tanzten wir zum Klang der Tamburine
Die ganze Nacht, bis wir beim Morgengrauen
Die Falken warfen, die uns wohlgedieh'ne
Und bunte Vögel packten mit den spitzen Klauen.
Die grauen Falken
warn wie Sterne glatt,
Die roten waren wie der Frühe erstes Tagen.
Dann aber waren wir der Vögel satt,
Und wir begannen wieder Wein zu jagen.
So landeten wir
hier im Wachlokale.
Der Wein ist gut. Die Fässer stehen offen.
- Kumpane, packt die Mädchen, die ich zahle!
Ich bin zu gleichem Tun ein wenig zu besoffen.
Und sagt dem
eifersüchtgen dummen Wichte,
In dessen Dienst ich jämmerlich verrotte,
Daß ich ein Falke bin, daß ich auf ihn verzichte
Und stolz im Glück mit Hafsa seiner spotte!
ABU DSCHA'AR
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Mein Liebster ist
ein Stern. Denn meine Augen füllen
Sich an mit Dunkelheit, wenn ich ihn nicht mehr sehe.
Jetzt ist er fern. Und mir ist wehe,
Kann ich mich nicht in seine Strahlen hüllen.
HAFSA
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Ein Gruß, der
alle Knospen öffnen macht
Und der die Tauben weckt zu neuem Sange,
Sei jenem fernen Liebsten dargebracht,
Nach dem mit ganzer Seele ich verlange.
O glaube nicht, du heißgeliebter Mann,
Daß ich dich je vergessen kann.
HAFSA (an Abu Dscha'far in Malaga)
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Erhabner Fürst
vom Stamme der Kalifen,
Der du den Augen Allahs Freude schenkst,
Nimm für den heutgen Festtag meinen tiefen
Ergebnen Dank und Gruß, auf daß du mein gedenkst.
Mög sich dir
jeder Wunsch gewährt enthüllen!
Die schönsten Frauen mögen sich dir liebend neigen!
Du mögest jeden Tag mit frohem Sinn erfüllen
Und mögst dich meinem Freunde gnädig zeigen!
HAFSA (an den Gouverneur Ibn Sa'id)
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Ich frag den
Donner in der Nacht:
Hat jetzt mein Liebster auch an mich gedacht?
Mein Herz schlägt ihm wie Donner laut entgegen,
Und meine Tränen fließen wie der Regen.
HAFSA
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Warum beweinst du
mich? Ich hab auf dieser Erde
Die herrlichsten Vergnügungen genossen:
Aß weißes Hühnerfleisch, sooft ich es begehrte,
Und hab den besten Wein in mich hineingegossen.
Ich brannte
bestes Wachs in meinen Kerzen.
Ich ging in Seide, ließ mich stets bedienen,
Ich hatte immer einen Vers im Herzen,
Ich hatte Fraun und hatte Konkubinen.
Und eine hatte
ich, die habe ich geliebt.
Ich werde morgen dafür hingerichtet.
Ich geh zu Ihm, der alle Schuld vergibt
Und alles Leid auf dieser Erde schlichtet.
ABU DSCHA'FAR (an Ibn Duwayra)
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Herr der Völker,
dessen Hilfe alle
Menschen suchen auf des Lebens Wegen:
Gib mir einen Schild, daß ich nicht falle
Bei des Schicksals überharten Schlägen.
Trag mit eignen Händen darauf ein:
"Preis und Ruhm sei Allah ganz allein!"
HAFSA
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(Aus:
Andalusischer Liebesdiwan. Nachdichtungen Hispano-Arabischer
Lyrik von Janheinz Jahn
Verlagsanstalt Hermann Klemm - Erich Seemann Freiburg im Breisgau
1955)
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