Gedanken über die Liebe |
Aus:Zenta
Maurina Über Liebe und Tod. Essays Wer nicht geliebt hat, ist sich selbst ein Fremdling. Ohne Liebe bleiben wir an der Oberfläche der Dinge. Eine Feindin der Logik, läßt sich die Liebe nicht beweisen und das ist ihr Widersinn. _______________________ Jede Epoche hat ihre Philosophie der Liebe. So haben alle Zeitalter eine Philosophie der Liebe hervorgebracht, das unsere jedoch nur Institute für Sexualforschung. _______________________ Der Triebhunger gilt nicht der Person, dem einmaligen unwiederholbaren, sondern dem anonymen Wesen, dem entgegengesetzten Geschlecht, und ist darin das Gegenteil der Liebe, die sich wertbejahend und wertschaffend zum auserwählten, nicht verwechselbaren Partner verhält. Für sich allein genommen, zielt der Trieb auf Sättigung und macht den Partner zum Mittel für diesen Zweck, zur wertlosen Hülle, sobald das Ziel erreicht ist. _______________________ Die Gefühlsarmut unserer Zeit, der Mißbrauch der Liebe hängt aufs engste mit der Mißachtung der Person, das heißt mit dem Nihilismus, der Philosophie des Trümmerfeldes zusammen. _______________________ Der heile, weltoffene Mensch wird zweimal geboren, einmal durch seine Mutter, das andere Mal durch das geliebte Du. Wer nicht geliebt hat, ist kein Ich, sondern ein Neutrum, ein Man, das niemandem gegenüber Verantwortung kennt. _______________________ Wer alle Gründe aufzählen kann, warum er jemand liebt, liebt überhaupt nicht. _______________________ Platons himmlische Schönheit lockt, fesselt und schreckt in ihrer Unerreichbarkeit den Sterblichen. In der christlichen Liebe dagegen sind die Liebenden trotz irdischer Lasten und Laster des ewigen Lichts teilhaftig. Das Ich, das mehr als nur sich selbst trägt, hält schon auf Erden den Schlüssel des Paradieses in der Hand. _______________________ Der Liebende ist immer unterwegs, und wer das Ziel erreicht zu haben meint, ist an den Anfang der Wanderung zurückgeschleudert. _______________________ In dem Maße, wie das Ich sich durch das Du zum eigenen Selbst und ewigen Licht wandelt, wie das Ich das Kreuz des Du hellsichtig erschaut und mitträgt, erfüllt sich das Mysterium der Liebe. _______________________ Die wahrhaft Liebenden bewahren unser Leben vor dem entfärbenden Gift der Gleichgültigkeit. Sie sind unsere Wegweiser, durch ihre seelische Spannkraft wie durch das Zuendegehen des einmal gewählten Weges. Die größten Feinde schöpferischer Liebe sind Halbheit, Mittelmäßigkeit, Lauheit. Wie die Liebe zu Gott, so führt die Liebe beider Geschlechter, die Mutterliebe, Vaterliebe, Freundesliebe durch Ursprünglichkeit, Souveränität und Bedingungslosigkeit, getragen vom tiefen Bewußtsein der letzten Einheit, zum eigentlichen numinosen Ursein. Mit einem Teil seines Wesens kann man sich für einen Menschen interessieren; ein Du lieben kann man nur mit dem ganzen ungeteilten Ich. _______________________ Mit der Liebe ist es wie mit einem Talent: man kann es verkümmern lassen, tottreten, man kann es pflegen, entwickeln, steigern; fehlt aber die Gnade, ist alle Mühe, alle Willenstat vergebens. Alles durch Gewalt Erzwungene geht zugrunde, alles durch Liebe Erschaffene lebt ewig. _______________________ Man kann in unserer chaotischen Zeit Vernunft nicht hoch genug preisen; in den Problemen des praktischen Lebens hat sie immer recht, aber für die letzten Fragen, die Fragen von Liebe und Tod, reicht sie nicht aus. _______________________ Wie Gott mit dem Verstande weder beweisbar noch widerlegbar ist, so auch die Liebe. Alle großen Liebenden sind Mystiker, und umgekehrt, alle Mystiker - Liebende. _______________________ Die Liebe zu Gott wie zu einem Menschen ist das große Wunder, das man staunend hinzunehmen hat. Der Mystiker erfaßt Gott wie der Liebende den Geliebten unmittelbar durch Intuition. Mystik ist ein welt-unabhängiges Sich-Einsfühlen mit Gott, und dieses Gefühl kennt jeder wahrhaft Liebende. Wie in der Liebe, so in der Mystik wesentlich: der einzelne erfährt in einem unmittelbaren Erlebnis, daß das Übersinnliche ihm innewohnt und ihn mit dem lebendigen Hauche des Geistes durchdringt. _______________________ Ohne Liebe bin ich ein Niemand, ein ununterscheidbares Etwas, Staub und Asche. In der Liebe opfert sich der Liebende für den oder das Geliebte, und Opfer ist ein freudig verbranntes Geschenk, das keinen Nützlichkeitswert hat und keinen Dank beansprucht. Aber schenken kann nur, wer hat, und opfern - nur der Reiche. _______________________ Die Liebe erlöst aus dem stummen Alleinsein, in das das Ich hineingeboren wird. _______________________ Wir verstehen nur den Menschen, mit dem wir uns identifizieren, und wir identifizieren uns nur mit einem geliebten Wesen. Unfertig in eine fremde Welt hineingeboren, erfassen wir von dieser, von all den Ländern, Völkern und Menschen nur das, was wir lieben; somit ist die Liebe das Lebensproblem überhaupt. Im alltäglichen Leben können wir immer beobachten, daß man über geliebte Dinge und Menschen treffend urteilt, dagegen eng und ungerecht ist, sobald es sich um Fremde handelt. Für die eigene Familie und vor allem für die eigenen Kinder hat man einen anderen Maßstab, als für die Nachbarn und erst recht für den Zugezogenen, den Andersstämmigen und Andersgläubigen. _______________________ Die Liebe zu einem Menschen ist viel mehr als die Hochschätzung der von ihm verwirklichten Werte. Der prüfende Blick erkennt die empirische Persönlichkeit mit ihren Gaben und vielfachen Verfehlungen, sozusagen die Schale; der liebende Blick erschaut den verhüllten Kern. _______________________ Der liebende Blick durchstößt die Wände des Alltags, der Verkleidung, der Eitelkeit und Scheu und sieht das Wesen des Menschen im eigenen Licht wie in seiner eigenen Nacht. _______________________ Der liebende Blick entzündet das unter der Asche des Alltags und eigener Schwäche erstickende Feuer. Und jedes Licht braucht einen Leuchter. _______________________ Im Widerspiel von Lieben und Geliebtsein liegt die höchste Sinngebung des Menschenlebens. Liebe, die nicht verwandelt, ist schlaff. Wahre Liebe macht den Menschen zum Wunder der Schöpfung. _______________________ Die reinsten Freuden des menschlichen Lebens - Musik, Dichtkunst, Malerei, Natur - werden durch das Zusammensein mit dem geliebten Du zu kosmischer Schönheit gesteigert. _______________________ Wahre Liebe ist nicht ein berauschender, verfliegender Duft, sie ist ein unauslöschliches, selbst durch den Tod nicht zu vernichtendes Siegel. _______________________ Die Spaltung in Individuum und Welt wird in der Liebe, in mystischer Entrückung und im Tod aufgehoben. Die Liebenden erfühlen neu die Erde und Übererde, nicht nur das leibliche Leben setzen sie fort, auch im Seelischen und Geistigen sind sie Ausbruch aus der Mittelmäßigkeit und höchste Steigerung. _______________________ Mehr als an Kathedralen und Symphonien, mehr als an unsterblichen Kunstwerken richtet sich unser Vertrauen an Liebenden auf. Die Liebe macht im kleinen Leben das Große sichtbar. Der Liebe Ozean ist so unendlich, daß sich in ihm selbst der Verzicht bereichernd auswirkt. _______________________ Je tiefer und wahrer die Liebe, desto unersetzbarer das geliebte Wesen, desto größer das Wagnis und die Gefährdung der Liebe. Und so ist die Liebe in irdischen Grenzen an sich tragisch: in einer vergänglichen Welt lehnen sich vergängliche Wesen gegen die Vergänglichkeit auf. _______________________ Eine der größten Grausamkeiten: daß Liebende nicht zu gleicher Zeit dieser Welt entrücken. Wenn die einsame Reise ins jenseits voller Bangnis ist, so ist das einsame Verbleiben auf dieser Erde noch banger. Glühende Kohlen würde ich in der Hand halten, um nur noch ein einziges Mal die Stimme des geliebten Entrückten, seinen Schritt zu hören. Wäre der Schmerz um den Verlust des geliebten Wesens Sünde oder Sentimentalität, dann wäre der Mensch selbst ein Mißverständnis. Schon eine Trennung für Tage drückt Liebende nieder, und der Tod zwingt irdische Ewigkeit des Alleinseins zu tragen, den Weg in die Leere zu gehen. _______________________ Der Gedanke, daß die Hand, die wir gestreichelt, die Augen, die wir geküßt, sich in anorganische Stoffe auflösen, ist seelenversengend, auch wenn wir glauben, daß der Tod für den Menschen die Rückkehr aus der veräußerlichenden Vielfalt der raumzeitlichen Welt zur verinnerlichten Einheit des Geistes bedeutet und man das Endgültige eines Menschen erst nach seinem Tode erfaßt. _______________________ Mit dem Glauben an die Einzigkeit der Person und Persönlichkeit beginnt die Mystik der Liebe, aber auch die Todesfurcht, die sich auf einer hohen geistigen Stufe in Todesehrfurcht verwandelt. _______________________ Wir lieben in dem Maße, in dem wir uns um des Du willen Gefahren und Drangsalen aussetzen, und in dem Maße, in dem wir lieben, sind wir unsterblich. Die Ganzheit des Menschen offenbart sich in der Liebe und im Tode: In der Liebe seine Bezogenheit zum Du, im Tode - zu Gott. _______________________ Das Leben hat nur so viel Wert, als es Liebe und Dank, ein Weg zu Gott ist. _______________________ Der Tod ist wie die Liebe die Verwesentlichung des Menschen. _______________________ Will der Mensch als Mensch bestehen, das heißt als ein Wesen, das den Weg zum Mitmenschen und zu Gott findet, genügt es nicht, daß er ein denkendes Wesen oder auch ein sich nicht mehr ängstigendes Wesen ist; er muß ein Wesen sein, das liebt. _______________________ Wer wahrhaft liebt, lebt im anderen Menschen und stirbt mit ihm oder geht ein neues Leben ein. _______________________ Wer wahrhaft liebt, liebt die körpergewordene Seele, die unteilbar immaterielle Substanz. _______________________ In der Liebe fallen Wesenheit und Dasein in eins, daher ist der Liebende unsterblich. _______________________ Den Beweis der Unsterblichkeit trägt jeder in sich in dem Maße, in dem er liebt. Aus Mangel an Sammlung, aus Zerstreutheit und Unwissenheit, aus Trägheit und Feigheit geht man an dem Reichtum dieser Welt vorbei und stirbt, ehe man gelebt, das heißt geliebt hat. _______________________ Die einzige Rettung in der Verlöschbarkeit unseres Dasein: dem Herzen folgen, solange es pocht, sich zum Lichte wandeln, verschenken, was man besitzt, denn nichts können wir ins Jenseits mitnehmen als nur unsere Liebe. _______________________ Wie wahre Liebe durch Nachsicht ausgezeichnet ist, so die personale und unpersonale Mystik - im Gegensatz zu den prophetischen Religionen - durch Toleranz. Eifersucht in der Liebe bedeutet Fanatismus in der Religion: das Vorherrschen von Macht-, Lust- und Besitzertrieben. Wahrer Glaube und wahre Liebe verabscheuen Zwang. Wer gehen will, der gehe; bleibt das Du gezwungenermaßen, reibt es sich und das Ich auf. Wer ohne Verkrampfung und herrschsüchtig einengende Vorschriften liebt und sich hütet, das bindende Band durch plumpe Knoten zu sichern, findet den Weg in der Erfüllung oder Entsagung, wenn der Himmel ihm gnädig ist. Daß weder Gottes Gnade noch die Liebe eines Menschen sich erzwingen lassen, gehört zu den unabwendbaren tragischen Motiven des irdischen Daseins. _______________________ Menschen sind verstreute Inseln im Eismeer der Einsamkeit; Liebe baut Brücken vom Ich zum Du, vom irdischen zum überirdischen Ufer: ich bin nichts mehr, so sehr bin ich Du. Wer diesen Zustand erreicht hat, den kann nichts zerbrechen. _______________________ Die Liebe, das Unabsehbare, ist der Ewigkeitsklang in der Zeit und unser Leben hat soviel Sinn, als es Liebe in Tat umsetzt. _______________________ Aus:
Zenta Maurina Mosaik des Herzens. Essays Unter den verschiedenen Arten des persönlichen Leids ist das schärfste und ätzendste die Grablegung einer Liebe. Liebe ohne Gegenliebe steigert alle inneren Möglichkeiten. Die unerreichbare Dulcinea begeisterte Don Quichotte zu immer neuen Heldentaten. Bedauernswert ist nicht derjenige, dem die Geliebte nicht in der Sprache der Liebenden antwortet, bedauernswert ist, wem die Fähigkeit zu lieben versagt ist. _______________________ Jede Liebe, ganz gleich, ob es eine glückliche oder unglückliche ist, bereichert. Auch in unserer Inferno-Zeit geschehen Wunder, wo reine Herzen sich in dienender Liebe verschenken. Vielleicht leben wir nur insoweit, als wir lieben, und nur durch die Menschen, die wir lieben. _______________________ Der Vogel der Freude ist ein scheues Wesen. Nicht in jedermanns Garten baut er sein Nest. Die Blume der Freude ist ein zartes Gebilde, nicht in jeder Seelenerde keimt und gedeiht sie. Wie muß die menschliche Seele beschaffen sein, um Freude in sich aufzunehmen? Welches sind die Vorbedingungen zu einem Leben, vom dem wir nicht am letzten Tage sagen: vergebens! Unsere Seele muß hellwach und hellhörig sein. Einmal klopft wohl das Glück an das Fenster eines jeden Menschen, doch wer auf das leise Pochen nicht öffnet, hat den großen Augenblick seines Lebens verspielt. Mancher schläft bis in den Mittag hinein und beklagt sich am Abend, daß er Sonnenaufgang und Morgentau nicht erlebte. Unsere Seele muß bereit sein zum Wagnis, kühn und tapfer. Es gehört mehr Anstrengung dazu, auch nur eine Feder aus den Schwingen des Vogels der Freude sich zu erobern, als sich von der Flut des Schmerzes treiben zu lassen. Der Schmerz ist auch ohne unser Zutun da, doch die Freude nur, wenn wir selbst sie uns schaffen. Das Lebenskreuz wird uns auferlegt, doch die Blume der Freude müssen wir selber in unseren Garten pflanzen oder suchen gehen. Sie wächst an einem steilen Abhang und nur eine furchtlose Hand kann sie pflücken. _______________________ Die Liebe, von der ich hier spreche, ist Religion; denn Anbetung des Göttlichen ist Religion, und das Göttliche offenbart sich am unmittelbarsten im Menschen. Liebe ohne Freundschaft ist ein Sinnenrausch, Wollust des Fleisches, oder auch irrsinnige Leidenschaft, die für einen Augenblick alles in Flammen setzt, um nachher alles in Asche zu verwandeln. _______________________ Liebe ist höchste Magie, wenn Freundschaft sie verklärt, durchleuchtet und gefestigt hat. _______________________ Bei allen anderen Erlebnissen fragt man: Warum? Weshalb? Was hat es für einen Sinn? Einzig in der Liebe verstummen alle Fragen. Liebe ist Andacht und Sehnsucht nach Unsterblichkeit. Wer am Grabe eines geliebten Menschen gestanden, in dessen Herzen erwacht der Glaube, der Traum, der Gedanke der Unsterblichkeit. _______________________ Das Erste und Letzte, das Höchste und Entscheidendste in der Liebe ist der Sinn füreinander - der unerklärliche, unnennbare, unauffindbare, geheimnisvolle Grund, warum gerade diese zwei Menschen beieinander stehenbleiben und zueinander halten. Wir leben im Menschen, den wir lieben. Nur wer liebt, kennt die verborgenen Schätze seines Weltinnenraums. Der Liebende entzündet in der Geliebten ein Licht: plötzlich werden alle Edelsteine, auch die, die im innersten Schacht ruhen, sichtbar. Wer nie geliebt hat, lebt in ewiger Nacht. Wer liebt, herrscht ohne Gewalttat und dient, ohne Sklave zu sein. In der Liebe sind die Liebenden wechselseitig Sonne und Erde. _______________________ Es ist besser, mit dem Geliebten in der Hölle zu sein, als ohne ihn im Paradies. Sollte man mir an den Pforten des Paradieses sagen, daß ich dort den Geliebten nicht wiedersehe, würde ich dem Paradies den Rücken kehren. _______________________ Durch den geliebten Menschen flutet Licht selbst in die Hölle. In Dantes Göttlichem Lied habe ich immer am meisten sein zartes Taktgefühl bewundert, sein Verstehen allen Liebenden gegenüber: er hat Francesca und Paolo, die in den Augen der Welt und Gottes gesündigt haben, nicht voneinander getrennt, wohl wissend, daß es eine Tiefe der Liebe gibt, wo ein Mensch über seine Mitmenschen nicht mehr urteilen darf. _______________________ Aus:
Zenta Maurina Um des Menschen willen Die wahre Liebe liegt jenseits des Nützlichen, in ihr spricht das Letzte, das Ureigentlichste des Menschen. Liebe ist Heilung und Wunde, Heimkehr und Abschiedsweh. Liebe heißt, sich gegenseitig die letzte Einsamkeit abnehmen. _______________________ Von den andern Gefühlserlebnissen unterscheidet sich die Liebe dadurch - und darin ist sie dem Haß verwandt - daß sie den ganzen Menschen erfaßt und alle seine Kräfte bis aufs äußerste steigert und spannt. Der Liebende hält in seiner Hand Leben und Tod. _______________________ Wie sie Sonne erst alle Dinge in der Landschaft sichtbar macht, so die Liebe in der Seelenlandschaft. _______________________ Wie unterschiedlich auch der Gefühlsgehalt, den wir mit dem Wort Liebe bezeichnen, sein mag, so ist doch das Entscheidende dieser Emotion, ganz gleich, ob sie sich zwischen Mann und Weib entwickelt, oder zwischen zwei Wesen gleichen Geschlechts, oder ob es sich um das Gefühl eines Erwachsenen dem Kinde gegenüber handelt, das Durchbrechen der Ich-Schale, das Aufnehmen des Du ins Ich, die Zertrümmerung der Isolation. _______________________ Wer nicht geliebt hat, wer nicht zu lieben wagt oder nicht mehr lieben kann, lebt frühlingslose Jahre, er ist ein im Winter erfrorener und im Lenz nicht mehr knospender Baum. Er fristet sein Dasein im Kellergeschoß als der Gefangene seiner eigenen Fremde. _______________________ Ob die Gefühlsaufwallung Erfüllung findet oder nicht, ändert kaum etwas am Wesen dieses Erlebnisses. Bei Goethe, dem Bekennenden und viel Liebenden, ist Entsagung die Zwillingsschwester der Leidenschaft. Entsagende Liebe kann ebenso bereichern wie Liebeserfüllung. Ungeheuerlich ist die Verwandlungskraft der Liebe: eine freiwillig getragene eherne Kette wird zu einem güldenen Geschmeide durch den Anhauch der Liebe, ohne diesen wird der prächtigste Schmuck zur Seelenfessel. _______________________ Aus:
Zenta Maurina Mein Lied von der Erde. Wegstrecken Die seelische Liebe ist grenzenlose Freude und grenzenlose Kraft, eine Kraft, die gleichermaßen in der Erde und im Himmel wurzelt, und immer reicher wird, indem sie sich verschenkt. _______________________ Liebe ist das Bewußtsein unzerstörbarer Zusammengehörigkeit. _______________________ Das geliebte Du ist der wesentliche Teil unseres Lebens. Wen wir lieben, in den projizieren wir unsere Seele. _______________________ Leben ohne Liebe ist Verzicht auf den größten Reichtum. _______________________ Die Nichtgeliebten, die Nichtliebenden sind ein Gehäuse mit verrammelten Fenstern und Türen. _______________________ Die Liebe lebt nicht von Wohltaten, nicht von Güte, nicht von Dank, sie lebt nur von der Liebe. Liebende sagen einander die Wahrheit, ohne zu verletzen. Man läutert einander durch die Teilhabe. _______________________ Jemanden liebhaben heißt nichts, als die Notwendigkeit ihn liebzuhaben. _______________________ Süß ist es, auf einen lieben Gast zu warten, zu langes Warten macht bitter. In der Erwartung des Freundes öffnen sich alle Blumen im Garten des Herzens, bleibt der erwartete Gast aus, verdorren die Knospen. _______________________ Liebe und Dankeserwartung sind unvereinbare Dinge. _______________________ Die Liebe und die Sonne gehen auf, wenn ihre Stunde gekommen ist. _______________________ In der Liebe ist alles selbstverständlich. Nimmt man aber die Liebe als selbstverständlich hin, tötet man sie. _______________________ In der Liebeshingabe - unabweisbarer Drang nach etwas Ganzem, Unbedingtem, Unwiderruflichem. _______________________ Die Einheit mit Gott erleben wir durch die Einheit mit dem geliebten Menschen. _______________________ Das Bekenntnis zum Menschen ist das Bekenntnis zu Gott. _______________________ Aus:
Zenta Maurina Denn das Wagnis ist schön. Geschichte
eines Lebens. Das ist die wunderbare Eigenschaft der Zeit, daß sie vergeht. Keine einzige Minute, wie grausig sie auch sei, bleibt stehen und versteint. Mitunter scheint es uns wohl so, doch das ist eine irrige Vorstellung, der man sich nicht hingeben darf. Nicht die Geschehnisse zerbrechen uns, sondern unsere Vorstellung. Dieses Geschehen kann ich nicht ändern, aber meine Vorstellung kann ich ändern. Finde ich diesen Vorfall nicht schlimm, dann ist er auch nicht schlimm. _______________________ Ich habe in meinem späteren Leben viele Fragebogen ausfüllen müssen, um meine abgelegten Prüfungen zu dokumentieren, aber nach den Prüfungen, die ich in der Lebensschule bestanden habe, bin ich nie gefragt und nie dafür belohnt worden. Und doch waren sie viel härter, viel strenger und haben unvergleichlich mehr von meiner Kraft, auch der schöpferischen, aufgebraucht. _______________________ Mein körperliches Behindertsein empfand ich seit meiner Kindheit als einen Riesen, der einen schweren Stein auf mich wälzte und demgegenüber nicht nur ich, sondern auch Vater und alle guten Menschen machtlos waren. Das von Gott oder dem Schicksal mir auferlegte körperliche Leiden war unabwendbar. Diesen Block, der ständig auf mir lastete, wollte ich zu einem Kunstwerk hämmern und meißeln, damit er mich unversehrbar mache. Aber schon im ersten Semester meines Studiums mußte ich erfahren, daß, wer einen Feind hat, über kurz oder lang von einer ganzen Schar angegriffen wird. _______________________ Das Gedicht war von Janis Akurates und mir gewidmet; mein Name war zwar nicht genannt, aber es waren genau dieselben Worte, die er mir in seinem Brief geschrieben hatte. Nun wußte ich, wie es Glücklichen zumute ist: kein anderes Gefühl hat im Herzen Platz als nur ein einziges. Das Herz wird weltenweit und möchte alle beschenken, weil es selbst eine Welt empfangen hat. _______________________ Ist Liebe nur im Traumland von Dauer? Ist Janis Akurates für mich der vollendet schöne Dichter, weil unser Seelenspiel vom schlimmsten Feind aller Liebe, vom Alltag, verschont geblieben war? Ist das Schönste, das Beglückendste im menschlichen Leben nur Trugbild, dann ist das Leben nicht wert gelebt zu werden. Nicht nur im Traumland, auch auf dem Kriegsschauplatz des Lebens muß es eine Liebe geben, die die Schwere der Materie kennt, vor ihr nicht zurückschreckt, sie nicht verschleiert, an ihr nicht zugrunde geht, sondern sie vergeistigt und den nicht zu veredelnden Rest mutig trägt. Und wenn auch mir persönlich eine solche Liebe nicht zuteil werden sollte, so würde ich sie bis an mein Lebensende suchen, denn ich glaubte an das Evangelium des Geistes: außer der Materie gibt es noch andere, nicht minder starke, die Menschen für immer aneinander bindende Urkräfte. _______________________ Ich empfand tiefe Ehrfurcht vor allen Genien der Weltliteratur. aber wonach mich am glühendsten verlangte, war nicht berühmt und reich zu werden, ich verzehrte mich in Sehnsucht nach dem Zustand, der mir der schönste und auch der am schwersten zu erreichende schien: ich sehnte mich, ein Mensch unter Menschen zu sein. Zu einer Heiligen hatte ich kein Talent, mein allzu irdisches Herz liebt die matten wie die glänzenden Edelsteine der Freude nicht minder als die Sterne am Himmelszelt und den Grashalm am Wegesrand, taubenetzt und sonnbeschienen. Das Gold des Löwenzahns, das der Frühling jedes Jahr an beiden Seiten der Landstraße ausstreute, war so schön, daß man immer weiter wandern und den unsichtbaren Schöpfer preisen wollte. _______________________ Meine mitteilsame Natur verlangte nach einem Menschen, nicht nach irgendeinem, sondern nach einem, an dessen Geisteskraft ich mich aufrichten konnte. In der Nähe eines großen und reinen Menschen, der selbst viel gelitten und überwunden hat, fällt das Atmen leichter und der Schmerz peinigt weniger. Gewiß konnte ich mir Beethovens Heiligenstädter Testament aufsagen, jene glühenden Worte, die er im Alter von achtundzwanzig Jahren niederschrieb, als er einsehen mußte, daß er sein Gehör, einen Sinn, den er in der größten Vollkommenheit besaß und der für ihn der allerwichtigste war, nicht wiedergewinnen würde. Auch ich war jetzt achtundzwanzig Jahre alt und hatte diese Appassionata während einer Krankheit auswendig gelernt. Aber noch mehr als das stärkste und wahrste menschliche Dokument richtet uns die lebendige Nähe eines Leidüberwinders auf. Es gibt Bücher, die wahrhaft Tröster sind, aber der Händedruck eines zart mitfühlenden Menschen wiegt Bände auf. _______________________ Es gibt viele Freuden im Leben, doch die reinste und größte ist der Augenblick, in dem man das Abziehen des Schmerzes spürt: der Feind rückt ab, du kannst in dein Inneres zurückkehren, du bist wieder frei, Herr und Gebieter aller Sinne. Die Krankheit ist eine böse Besatzungsmacht, die die Seelenlandschaft verheert und zerstört: weicht sie, so ist es, als ziehen die Okkupanten ab und man ist in seiner eigenen Heimat wieder allein und frei. Man atmet tief und dankbar und gleicht der Erde nach einem fruchtbaren Gewitterregen. _______________________ Wir, Masi und ich, hatten oft kein Geld, um einen Brief zu frankieren, aber wir hatten immer genug Übermut, um über die zu lachen, die uns weh taten - nachdem wir vor Kummer über sie geweint hatten. Aber Tränen, die man gemeinsam weint, spülen das Weh in den Ozean des Vergessens. Das Leben duldet kein Vakuum. Auch kann man nicht von ununterbrochenen Niederlagen leben. Solange man lebt, findet man immer wieder eine Tür, nur darf das Herz vom Salz der Tränen nicht verbittert sein. _______________________ Gesegnet seien alle meine Freunde, Meilensteine auf meiner Pilgerfahrt zu Gott, gesegnet für das Licht, das sie auf meinem Wege entzündeten, gesegnet auch für die Irrlichter, gesegnet für die Enttäuschungen, die mich ihnen entfremdeten und meinem eigenen Herzen näherbrachten. Was liegt daran, ein paar Sprossen tiefer in der Keller der Schmerzen hinabzusteigen? Das Licht der Sterne leuchtet in der Dunkelheit noch heller. _______________________ Es ist leicht zu verzichten, wenn man im Herzen auch nur eines einzigen Menschen den ersten Platz einnimmt. _______________________ Alles, was im Gefühlsleben an die letzten Grenzen rührt, ist in Worten nicht mitteilbar. _______________________ Leben bedeutet Wechselwirkung. Alles, was man besitzt, besitzt man, um es zu verteilen. _______________________ Die Brücke, die Himmel und Erde verbindet, der Regenbogen, ist das Symbol des Weges, den wir alle, den unfaßbaren Geheimnissen des Diesseits und Jenseits verbunden, wandern müssen. Doch schwerer als über einen reißenden Strom ist es, die Brücke des Verstehens von Mensch zu Mensch zu bauen: "Viel hat erfahren der Mensch, seit ein Gespräch wir sind und hören können einander". Alle diese Brücken jedoch übertrifft jene, die nicht aus Beton und Stein gebaut ist, sondern aus ewigen Büchern. Es gibt vielerlei Sprachen, die Zeiten ändern sich, die Völker sind voneinander unterschieden, aber hin und wieder entsteht ein Werk, das Jahrhunderte, ja Jahrtausende überdauert. Diese Brücke mit all ihren Pfeilern und Wölbungen kennenzulernen und, wenn möglich, einen kleinen Stein zu ihrer Festigung beizutragen, war mein Wunsch und Ziel. _______________________ In jeder fremden Stadt, in die ich komme, haben Buchläden und Blumengeschäfte für mich einen besonderen Anreiz. Denn Bücher und Blumen sind es die mir sagen, daß das Fremde nur äußere Schale ist. In Riga wie in Heidelberg und Sydney ist es Aeschylos und kein anderer, der die Perser geschrieben hat; und es beeinträchtigt nicht die Schönheit der Rose, ob ein Blumenmädchen die lettische oder französische Sprache spricht. _______________________ Es ist eine Freude, große Gedanken zu denken, eine noch größere, wenn ein Leben im Einklang mit diesen Gedanken gelebt wird. Gedanken besitzen eine befreiende Kraft, wir nähern uns dem Welten-Schöpfer, und in seltenen, ganz aufgeschlossenen Augenblicken erhaschen wir einen Schimmer des ewigen Lichts. Das göttliche Geschenk, das der Schöpfer seinen Kindern mitgab, als er sie aus dem Paradies vertrieb, war die Fähigkeit zu denken. Besaß ich nicht die Macht, mein eigenes Paradies zu schaffen? _______________________ Unzählige Gaben habe ich von denen empfangen, die mir auf der weiten Fahrt begegnet sind. Unter den konkreten waren die Blumen die edelsten, doch auch die schönsten Blumen verwelken einmal. Länger leuchtet ein Brief, blüht ein Gedicht, doch unverwelkbar, unauslöschlich sind die Tränen, die jemand mit dir oder um deinetwegen geweint hat. Das Höchste, dessen der Mensch fähig ist, das ist der Mitvollzug am anderen Dasein, das Mit-Leiden, das Mit-Erleben. Von Zeit zu Zeit schenkt uns der Herr einen Meister, damit wir nicht vergessen, das wir Menschen sind. _______________________ Mein Herz war weltenweit und sehnte sich, die Welt in sich aufzunehmen. Während man reist, hat man weder Zukunft noch Vergangenheit; man gehört dem glühenden Jetzt und wird zu einem ahistorischen Wesen, das die Schönheit des griechischen Kairos erlebt. Die Mühseligkeiten das Alltags hören auf, man gibt sich der Freude des Schauens hin und lernt im Vorübergehen lächelnd zu geben und lächelnd zu nehmen. Nichts gehört einem, und man selbst gehört dem erwachenden Tag. _______________________ Ich hatte viel in meinem Leben geliebt, Dichter der Gegenwart und Vergangenheit, Menschen meiner Umgebung. Auch Schreiben bedeutete für mich Lieben. War ein Schriftsteller mir unsympathisch, schwieg alles in mir und ich hatte nichts über ihn zu sagen. Mein Herz hatte in der Flamme der Anbetung gebrannt, ich hatte auch heimlich und frevlerisch geliebt. Man hatte mich beargwohnt und geschmäht, aber auch umworben und besungen. Allein das, was Albatros mir entgegenbrachte, war etwas ganz Neues: er besaß ein geheimes Werkzeug, den Kerker von innen zu öffnen. Seine Gegenwart war Befreiung von Bürde und Last: er erlöste mich aus der Verkrampfung des eigenen Ich, und während er mein Kreuz trug, konnte ich zu den ewigen Sternen emporschauen. Meine Weltangst war geschwunden, zum erstenmal erlebte ich Weltgeborgenheit. Wir fanden zueinander nicht aus Wahl, es war wie ein Erkennen und freudiges Wiedersehen. (...) Meine Trauer betrübte ihn, meine Freude erhellte ihn. Seine Güte durchströmte den Tag, sie wurde mein tägliches Brot. Er war von Natur aus mit unendlicher Geduld ausgestattet und strahlte jene Kraft aus, die nur Menschen eignet, die wissen, daß sie warten können, daß ihre Stunde kommen wird. Er war so unabhängig von seiner Umwelt, so stark wurzelte er im eigenen Innern und in Gott, er war so lebendig, daß er mich dem Todesreich entriß und in das Reich der Sonne hob. _______________________ Hatte es für mich nur einen Glücksfall geben können, kaum geboren zu sterben? Viele Menschen leben ohne Liebe, ich aber bin ein so schwaches Geschöpf, daß ich ohne diesen Pilgerstab, der sich auch in eine Dornenkrone verwandeln kann, nicht zu leben vermag. Um ein Herz voller Schmerzen zu tragen, muß man stark sein, aber an einem leeren Herzen geht man zugrunde. _______________________ Ich lese keine Romane, ich studiere die Liebe lebendiger Menschen bis ins letzte Mark, ich verfolge ihre Spuren in Florenz, ich lese ihre Briefe, ihre Tagebücher. Ich suche nämlich ein Modell für meine Liebe. Eleonora Duse? Elisabeth Browning? Ich bin erschreckt, begeistert und beglückt über die Kraft und Differenzierung des Gefühlsreichtums, der mir entgegenströmt, aber ich bin nicht beraten, von keinem Beispiel und von keinem Vorbild. Den Weg, den ich gehen muß, ging niemand vor mir, niemand wird ihn nach mir gehen können. _______________________ Wer liebt, ist unversehrbar. Liebe heißt, den Alltagsstein gemeinsam bis an die Schwelle des Abends tragen. Im Vertrauen auf den einen Menschen, der uns mehr als alle anderen bedeutet, erstarkt der Glaube an Gott und man ist nicht mehr sein eigener Feind und glaubt auch nicht an die äußere Feindesmacht. _______________________ |
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