Liebe ist ein individueller oder gesellschaftlichen Zustand und dennoch gibt es Allgemeingültigkeiten. Es gibt viele Variationen der Liebe und in jeder Gesellschaft bedeutet Liebe etwas anderes. Sich frei zu verlieben und den Partner frei zu wählen ist nicht selbstverständlich und eher ein Privileg.
Daher wird im folgenden auch nur vom klassischen Fall der Liebe und des verliebt seins innerhalb unseres Kulturkreises gesprochen um Wirkmechanismen anzureißen. Manches davon hat jedoch auch übergreifende Gülitigkeit.
Ausnahmezustand
Wenn etwas nicht dauerhaft ist, dann ist es das Gefühl des verliebt seins. Dieses Gefühl versetzt die Liebenden klassicher Weise in eine andere Sphäre. Die Sinne sind viel feiner, die Aggressivität und der kritische Moment gegenüber dem Umfeld läßt nach. Man schwebt, wie man so schön sagt, auf Wolke 7. Alles ist auf den Partner ausgerichtet, dieser steht im Mittelpunkt des Handelns und des Denkens. Je nach Möglichkeit sich fallen zu lassen und sich der Liebe hinzugeben, erlebt man das Gefühl mehr oder weniger intensiv. Wer verliebt ist geht sogar Risiken ein, die er sonst nicht eingehen würde. Auch werden klassische Rollen sichtbar, die sich um beschützen und Schutz suchen drehen. Verliebt sein ist kurz gesprochen ein Ausnahmezustand.
Da verliebt sein ein Ausnahmezustand ist, wird auch irgendwann wieder ein Normalzustand erreicht. Aus dem verliebt sein entspringt in der Regel eine Zweiergemeinschaft, die sich dem Alltag stellen muß und das Leben gemeinsam meistern will und Zukunftspläne schmiedet. So passiert es in unserer Gesellschaft millionenfach. Dass diese Phase des “Verliebens” je nach Alter und Lebenserfahrung anders und nüchterner verlaufen kann, wird ein anderes Thema sein.
Es gibt Personen die genau diesen Zustand des Verliebt sein beim Gegenüber abwarten, erfühlen oder gezielt forcieren, um Forderungen und Dinge durchzusetzen die im Normalzustand nicht möglich wären. Die Spannbreite reicht von dem durchsetzen sexueller Neigungen bis hin zu materiellen Forderungen. Auch verpackt mancher seine Eifersucht in Fürsorglichkeit und versucht so eine Partnerschaft nach seinen Vorstellungen zu modellieren. Eine potentielle Falle für denjenigen, der sich blind zeigt. Meist verlaufen die Versuche, die Grundsteine der Partnerschaft und den Verhaltenscodex festzulegen auf sehr subtile Art.
Ernüchterung
In dieser Phase, dem Ausnahmezustand, ist es für denjenigen, der es nüchterner angehen lässt, oft ein leichtes seine Forderungen und Ansprüche zu manifestieren. Zieht irgendwann wieder der Alltag ins Leben ein, kann es sein, dass sich der andere in einer Situation befindet, die man im nüchternen Zustand niemals zugelassen hätte und man sich für das Zusammenleben nicht wünscht. Ein Zurückschrauben der Zugeständnisse scheuen zunächst viele. Immerhin hat sich das Herz entschlossen. Ein zurückfahren der Zugeständnisse wird häufig mit “Liebe aufkündigen” gleichgesetzt. Dazu kommt, dass nicht jeder bereit ist, gleich in einen Konflikt zu gehen.
Geben und Nehmen
In dieser Situation sollte man sich vor Augen führen, dass Liebe keine Einbahnstraße ist. Wenn man sich liebt, sollte ein ständiges Arbeiten am Zustand der Partnerschaft eine Selbstverständlichkeit sein. Wer sich dem generell verweigert hat kein Interesse an einer Partnerschaft auf Basis der Liebe. Er ist lediglich an seinen eigenen Zielen interessiert.
Mit dem ausnützen des Ausnahmezustandes hat sich sogar ein zweifelhafter Berufszweig entwickelt, der des Heiratsschwindlers. Der versteht es excellent sich hinter Charme und Zuwendung zu verstecken und das Opfer in diese Situation zu bringen, nicht mehr nüchtern zu entscheiden.
Liebe sollte nicht nur dem Herzen alleine überlassen werden. Ein waches Auge ist ratsam, zumindest die Fähigkeit, Grenzen zu ziehen. Auch wenn diese nicht unbedingt starr sein müssen, allzu weit sollten sich diese ohne Reflektion nicht verschieben oder auflösen. Liebe ist immer ein Geben und Nehmen. Wird nur genommen, so ist Wachsamkeit geboten.




