Angst vor Abhängigkeit ist ein verbreitetes Phänomen, das sich gegenwärtig rasch verbreitet. Der Zeitpunkt für eine Eheschließung verlagert sich beispielsweise statistisch immer weiter in die Lebensmitte. Charaktereigenschaften wie Verlässlichkeit, Beständigkeit, Treue, Vertrauenswürdigkeit stehen der Selbstverwirklichung um jeden Preis immer öfter im Wege und scheinen daher nicht mehr unbedingt erstrebenswert.
So paradox es auf den ersten Blick erscheinen mag: Menschen mit abhängiger Persönlichkeitsstruktur müssen lernen, sich freiwillig abhängiger zu machen. Das ängstliche Anklammern ist aus der Not geboren. Sie müssen sich abhängig machen, dies ist kein freiwilliger Akt. Zur reifen partnerschaft gehört Autonomie, gehört das authentische Leben. Nur wer sein Selbst gefunden hat, kann sich auf einen anderen einlassen, ohne sich selbst zu verlieren. Für Menschen mit einer abhängigen Persönlichkeitsstruktur wird dieses eine bleibende Herausforderung. Die negativen abhängigen Muster, die so früh Bestandteil der Persönlichkeit wurden, sind prägend verankert.
Letztlich geht es nicht darum, alle abhängigen Perönlichkeitsmerkmale auszurotten, sondern die Mitte zu finden. Vor allem geht es darum, authentisch man selbst zu werden, und das ist es, was am Ende des Märchens zu feiern gilt.
Für uns gehören zu einem authentischen Leben “Mut und Glauben”. Den abhängigen Zustand zu verlassen erfordert Mut. Jeder neue Entwicklungsschritt bedeutet, die früheren Verhältnisse mit ihren Scheinsicherheiten zu verlassen, dies ist beängstigend. Jeden Tag wird es darum gehen, neu geboren zu werden, die Wahrheit zu sagen, die eigene Wahrheit und zu ertragen, dass man in vielem ähnlich ist, aber auch anders ist als andere Menschen. Man darf sich auf das eigene Denken und Fühlen verlassen.
Werde, der du bist!
Zwei Dinge sollten Kinder
Von ihren Eltern bekommen:
Wurzeln und Flügel
(Johann Wolfgang von Goethe)