Etwa drei bis fünf Millionen Menschen in Deutschland leiden an extremer Schüchternheit; wissenschaftlich gesagt: unter Sozialer Phobie. Schüchternheit in der durchschnittlichen Ausprägung ist sicher eine Art Vorsichtsmaßnahme und eigentlich eine Sinnvolle Sache. Sie spornt uns zu Höchstleistungen an, etwa wenn wir bei einer Teambesprechung einen Vortrag halten sollen oder eine Prüfung abgelegen müssen. Bereits Minuten vor dem “Auftritt” läuft unserer innere Motor an, wir kommen langsam auf Touren. Wir sind aufmerksam und konzentriert, voll da. Im Laufe der jeweiligen sozialen Situation legt sich dann die Aufregung irgendwann. Und am Ende kommt dann meistens die Einsicht: Ach, war ja doch nicht so schlimm!
Die Natur hat uns nicht umsonst mit diesem Potenzial ausgestattet. Im Laufe des Evolutionsprozess haben Vorsicht und Zurückhaltung dafür gesorgt, dass Menschen in der Gesellschaft nicht jederzeit aneckten, sondern sich integrieren, anpassen. Auf der anderen Seite ergaben sich aufgrund der damit einhergehenden “tendenziellen Friedlichkeit” weniger Konflikte mit Vertretern der Sippschaften. Zurückhaltende Menschen überlebten eher als leichtsinnige. Man kann also wie bei der Angst vor Höhe, giftigen Tieren oder sonstigen Gefahren von einem angeborenen Potenzial ausgehen, das grundsätzlich NORMAL ist.